Kunst gegen trübe Wintertage

Genug vom Grau-in-Grau da draußen und der komplizierten Gemengelage in der Welt? Getreßt vom allgegenwärtigen Weihnachts-Wahnsinn? Hier unsere hilfreiche Dosis mit erhellenden Kunst-Tipps für die kommenden Wochen. Von Berlin über Potsdam, von Düsseldorf und Neuss bis nach München.

written by Gastautorin Juliane Rohr 3. Dezember 2022

Kunst macht glücklich und gesünder.

Das ist jetzt wissenschaftlich belegt! Der französische Neurologe Pierre Lemarquis hat gerade ein neues Buch L’Art qui Guérit (frei übersetzt: Kunst, die heilt) herausgebracht. Dabei nimmt er seine Leserinnen und Leser auf eine Kunst-Tour durch die Jahrhunderte mit. Lemarquis verwebt Kunstgeschichte, Philosophie und Psychologie und zitiert dabei verblüffende, aktuelle Erkenntnisse aus seinem Fachgebiet der Neurowissenschaften über die Heilkraft der Kunst.

Lemarquis betrachtet die Werke durch die Linse ihrer heilenden Kräfte. Und zwar sowohl für den Betrachter als auch für den Hersteller. Lemarquis ist der Meinung, dass wir, wenn wir Kunst sehen, am Schaffensprozess teilhaben. Einmal mehr denn je gilt: Auf in die Kunst!

Geteilter Kunstgenuss 2022. Venedig, Kassel oder wo auch immer – inspirierende Tage.

Berlin – Neue Nationalgalerie

I do You. Monica Bonvicini

Was für eine gelungene, monumentale Schau. Monica Bonvicini eignet sich für I do You den ikonischen Museumsraum von Mies van der Rohe an. Der Blick in die obere Halle der Neuen Nationalgalerie wird durch einen riesigen Spiegel verstellt, der den Titel der Ausstellung trägt. In der Halle geht es weiter: Hier greift die Künstlerin mit einem überdimensionalen Spiegelpodest ein, erweitert die Halle um eine Ebene. Wer sich auf dem Podest in eine ihrer (bequemen!) Kettenhängematten oder einen der lederbezogenen Eternit Loop Stühle von Willy Guhl niederlässt, kommt plötzlich der Kassettendecke des Gebäudes ganz nah.

„Ob es nicht eine Nummer kleiner gehe?“, fragte sie Klaus Biesenbach, der Direktor der Neuen Nationalgalerie, als er ihre Ideen für den Raum zum ersten mal sah. Sie empörte sich: „Keiner würde das jemals Richard Serra fragen.“ Und beruhigte ihn: Schließlich seien alle Neonröhren, Ketten, Gerüste, Alubondplatten und selbst die Handschellen recycelbar. An letzteren kann man sich übrigens für eine halbe Stunde anketten lassen. Ohne Mobiltelefon. Be Part of the Art.

Elegant & extraordinär

Liebe Natali, wäre das nicht mal wieder eine Kunsterfahrung, die wir teilen und gemeinsam erleben könnten, um dann unsere Rubrik Kunst kocht wiederaufzunehmen?

So oder so, I do You ist einfach eine phantastische, elegante Ausstellung! Der Bauschutt, der rechts vor dem Podest auf dem Boden drapiert ist, stammt übrigens von 1998 und heißt Zwei Tonnen Alte Nationalgalerie. Ein Relikt einer rebellischen Intervention der Künstlerin. Wie ein Echo aus einer anderen Zeit. Vielleicht auch ein Hinweis auf die Baugrube dahinter: Soll das Neue Museum gebaut werden oder nicht? In zerrissenen Zeiten wie diesen und nicht sonderlich klimaneutral geplant… aber das ist definitiv eine andere (sehr politische) Geschichte, die derzeit die Berliner Kunstgemüter erhitzt.

Berlin – KW

Michel Majerus. Early Works

Er verwandelte den Kölner Kunstverein in ein Skaterparadies, installierte in Ausstellungsräumen Baugerüste und ließ eine Galerie in Berlin mit einem Asphaltboden befüllen, malte bewusst infantil und produzierte Kunst wie am Fließband. Der Luxemburger Michel Majerus (1967 -2002) avancierte mit seiner knallbunten, heiteren und durchaus auch banalen Kunst schnell zum Liebling. Leider blieb ihm nur ein knappes Jahrzehnt für seinen Bilderrausch: Im November 2002 kam er mit nur 35 Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

Nun beglückt seine Kunst deutschlandweit 20 Institutionen und erinnert daran, was für ein wegweisender Pionier er war. Den Auftakt machen in Berlin die KW Institute for Contemporary mit seinen Early Works. Damit beginnt die Reise in die phantastische Welt des in Esch geborenen Künstlerstars. Bevor er nach Berlin kam studierte er in Stuttgart an der Akademie, weil es in Luxemburg keine Kunstakademie gab.

Majerus ist Marke

Er mischt in seine Malerei Zitate aus der Werbe- und Markenwelt, der Popkultur, Computer, Fernsehen und Videospiele. Dabei machte er sich sich selbst zur Marke, tritt in Konkurrenz zur neuen Bilderwelt und betrachtet augenzwinkernd berühmte Künstlerkollegen wie Warhol und Co. Zitiert sie unverhohlen.

Majerus Bilder füllen mitunter ganze Räume, beamen die Betrachter mitten hinein in die damals erst aufflammende Welt des Internets. Erstaunlich, dass das mehr denn je die Realtiät ist, in (und mit) der wir jetzt leben.

Zu schade, dass wir nicht wissen, was für Kunst

Michel Majerus heute im Social Media Zeitalter produzieren würde.

Nicht verpassen in der Pogo Bar – Zugang über die große Halle – dort läuft ein Film über Majerus, seine Arbeit und einige Weggefährten.

Und noch mehr Majerus

Noch mehr Majerus gibt es ein paar Minuten fussläufig von den KW aktuell in der Galerie neugerriemenschneider, Linienstraße 155. In einer riesigen Holzbox ist eins zu eins seine erste Ausstellung gemälde in der Galerie im Jahr 1994 in der Westberliner Goethestraße nachgestellt. Michel Majerus malte riesige Szenen aus dem Comic Roger Rabbit direkt auf die Wand, hängte frech kleine Bilder drüber und ließ ein Straßenfragment auf den Boden des Raumes gießen. Der Asphalt ließ einen Teil der vorhandenen Fliesen sichtbar. Der Raum wurde zur Bühne für seine Kunst.

Bäm! Nicht verpassen. Noch bis zum 14. Januar.

Düsseldorf – K20

Mondrian. Evolution

Mondrian – bei diesem Namen fallen wohl nicht nur mir sofort schwarze Linien, blaue, rote und gelbe Quadrate und Rechtecke auf weißem Grund ein. Doch der niederländische Maler konnte nicht nur minimalistische Farbfelder. In den ersten Jahrzehnten seines Schaffens waren Landschaften, Dünen, Windmühlen oder Bauernhöfe sein bevorzugtes Sujet. Eine wenig bekannte Tatsache.

Zu seinem 150. Geburtstag zeigt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im K20 seinen Weg von diesen frühen naturalistischen Gemälden bis zu den späten abstrakten Arbeiten in New York, wo er seit 1940 im Exil lebte. In der Ausstellung Mondrian. Evolution kann ich mit Bildern aus fünf Jahrzehnten Piet Mondrians den formalen Zusammenhängen in seinem Werken nachspüren. Eine Bäuerin sitzt bei genauem Betrachten vor einer gekachelten Wand, der Hintergrund ist schon weit vor seiner abstrakten Phase total strukturiert.

Mondrian malte immer intuitiv

und nicht nach mathematisch gelenkter Rationalität. Es geht dem Künstler um die reine Bildkomposition. Spannend und verblüffend zugleich – besonders bei seinen berühmten Malereien, die scheinbar jeder kennt.

Selbstbildnisse, Landschaften, Strukturen und das ikonische Klebebild, das Jahrzehnte falsch herum hing.

Der Mucha – Ein Anfangsverdacht

Er ist einer der bekanntesten deutschen Künstler in den 1980ern und 90er Jahren. Aber zwischenzeitlich ein bisschen von der Bildfläche verschwunden. Jetzt ist Reinhard Mucha zurück. In Düsseldorf gleich mit einem doppelten Wumms im K20 und K21. Und noch einmal in Berlin, in der Galerie Sprüth Magers, die den Doppelaufschlag in Düsseldorf finanziell unterstützt hat. Hier im K20 konnte ich wunderbar im Teil Ein Anfangsverdacht eintauchen und habe einen großartigen, ersten Einblick in das Werk des Künstlers bekommen.

Die wuchtigen Installationen des Bildhauers kommen rätselhaft daher – mit allerlei Ecken und Kanten. Herrlich. Eine intellektuelle Herausforderung zwar, aber eine die Spaß macht. So wie das komplex zusammengebaute Riesenrad: Leiter, Tische, Stühle, Leuchtstoffröhren führen quasi ein Theater der Dinge auf. Und erinnern zugleich an eines dieser stur kreisenden Fahrgeschäfte. Das hier bleibt jedoch starr. Erinnert an die Vergeblichkeit des menschlichen Strebens … oder den Kreislauf der Planeten?

Tiefgründig. Ich bleibe in jedem Fall dran. Und empfehle die Schau im K 21. Mehr zu Mucha in der Galerie in Berlin ist bei mir fest eingeplant.

Das Figur-Grund Problem in der Architektur des Barock (für dich allein bleibt nur das Grab) – so der Titel einer Muchaarbeit von 1986

München – Haus der Kunst

Joan Jonas

Magisch! Poetisch! Wunderbare Wunderwelten!

Die Ausstellung im Haus der Kunst ist einfach zu schön. Dabei sind die Themen der amerikanischen Künstlerin ziemlich ernst. In ihren Performances, Videoarbeiten und Zeichnungen hinterfragt Joan Jonas beispielsweise die Rolle der Frauen, unsere Beziehung zur Natur oder den Tieren. Es geht um die Aneignung der anderen. Wo und wie existieren wir heute und in Zukunft als Gemeinschaft auf dieser Erde?

Grande Dame der Performance

Jonas ist eine Schlüsselfigur in Sachen Performance und eine der Begründerinnen. Sie arbeitet mit Spiegeln, die den Raum mysteriös vervielfältigen, das Publikum spiegeln. Die 86-jährige tanzt vor Unterwasseraufnahmen, umarmt die Krustentiere. Sie, der Mensch, ist so klein und zerbrechlich der Krebs, das Krustentier,  riesig, fast bedrohlich.

Ihre Kunst ist sinnlich und doch politisch. Dabei ist ihr wichtig, dass der Humor nicht auf der Strecke bleibt. „Gerade als alter Mensch, sollte man humorvoll sein, “ sagt sie in einem Interview in München, wo sie den Aufbau begleitet hat.

Hach, ich möchte zurück in diese magische, poetische, wunderbare Wunderwelt!

Neuss – Langen Foundation

Controlled Burn. Julian Charrière

Ein ganzes Jahr lang bespielt der Künstler die Langen Foundation auf der Raketenstation Hombroich bei Neuss. In Controlled Burn geht es um die Natur, die wir Menschen zerstören, wohlwissend, dass wir unseren eigenen Niedergang damit befeuern. Feuer ist das Element von Julian Charrière. Es vernichtet und erneuert zu gleich. Aber bevor es um dieses Element gehen kann, begegnet mir auf dem Weg in die Foundation eine ortsspezifische Installation, die den Blick auf den wunderbaren Tadao Ando Bau blockiert. Das ist Energiesparen auf den Punkt gebracht: Auf simplen Containers angebrachte Solarpanelen spenden der eigenen Ausstellung die benötigte Energie.

Unerträglich schön

Ein brennender Brunnen fasziniert mich ebenso wie der rückwärts abgespielte Filme von Raketenzündungen. In Blei gegossene atomverstrahlte Kokosnüsse liegen nonchalant am Fenster in Richtung Raketenstation, der alten Basis der Nato. Ein gelungene Verbindung ins Jetzt. Herrlich die an Sonnenuntergänge erinnernde Fotos von Palmendickicht. Doch halt, die sind vom Bikini-Atoll und mit radioaktivem Sand bearbeitet, haben seltsame weiße Stellen. Brr. Bilder von Atombombentest schwirren durch meinen Kopf.

Beeindruckend auch der für die Langen Foundation geschaffene Garten Panchromic. In einem verspiegelten, in rotes Licht getauchten Raum wachsen Farne aus dem Karbonzeitalter. In dieser Zeit entstanden die Kohleablagerungen, die später den Reichtum der Region begründeten. Und die Aneignung der Natur in aller Konsequenz nach sich zog. Mit irreparablen Umweltschäden.

Die Schau selber ist fast zu schön für das ernste Thema. Doch der Moment in dem man die Werke begreift, der rüttelt auf. Unbedingt erlebenswert.

Potsdam – Museum Barberini

Surrealismus und Magie. Verzauberte Moderne

Natali hat sich diese wunderbare Ausstellung schon im Peggy Guggenheim Museum in Venedig gesehen. Und war begeistert, obwohl es sehr, sehr wuselig war. Kunstsüchtige und Touristen aus aller Welt haben das Museum immer auf ihrer To-do-Liste. Und dieses Mal war die Sammlung eng mit den Biennale verknüpft.

Salvador Sali, Max Ernst, Rene Magritte – neben all den großen Namen der surrealistischen Malerei wurden hier auch Werke der Künstlerin Leonora Carrington gezeigt. Der Titel der Biennale 2022 The Milk of Dreams war einem ihrer Kinderbücher entliehen. Jetzt ist die erste umfassende Werkschau, die das Interesse der Surrealisten an Magie und Mythos thematisiert, in Potsdam im Museum Barberini zu sehen. In der Potsdamer Version von Surrealismus und Magie. Verzauberte Moderne ist der Malerin ein ganzer Raum am Ende gewidmet. Fulminant.

Noch ein Pluspunkt neben einem Mehr an phantastischen Bildern: es ist nicht so beengt wie in Venedig.

Infos

Buch Pierre Lemarquis:  L’Art qui Guérit (frei übersetzt: Kunst, die heilt)

Preis inkl. MwSt., zzgl. ggf. Versandkosten. Zuletzt aktualisiert am 28. Januar 2023 um 8:03 Uhr. Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.

I do You. Monica Bonvicini

  • bis 30. April
  • geöffnet 10 bis 18 Uhr, Montags geschlossen

Neue Nationalgalerie, Potsdamerstraße 50, 10785 Berlin

Michel Majerus. Early Works

  • bis 15. Januar 2023
  • geöffnet 11 bis 19 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, dienstags geschlossen

KW Institute for Contemporary Art, Auguststr. 69, 10117 Berlin

Mondrian. Evolution

  • bis 12. Februar

Der Mucha. Ein Anfangsverdacht

  • bis 22. Januar
  • geöffnet 10 bis 18 Uhr außer montags

K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Grabbeplatz 5, 40213 Düsseldorf

 Joan Jonas

  • bis 26. Februar
  • geöffnet 10 bis 20, Do 10 – 22, Dienstags geschlossen

Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München

Controlled Burn. Julian Charriere

  • bis 6. August
  • geöffnet 10 bis 18 Uhr montags geschlossen

Langen Foundation, Raketenstation Hombroich 1, 41472 Neuss

Surrealismus und Magie. Verzauberte Moderne

  • Bis 29. Januar 2023
  • geöffnet 10-19 Uhr dienstags geschlossen

Museum Barberini, Humboldtstraße 5-6, 14467 Potsdam

 

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