1. Köln
Yayoi Kusama / Museum Ludwig
Lebensrettende Kunst
Sie ist die Königin der Polkadots, der Pumpkins und Infinity-Rooms. Jetzt bespielt Yayoi Kusama das Museum Ludwig mit knapp 300 Werken aus über 70 Jahren Schaffenskraft. Kusama ist ein Publikumsmagnet, instagramable Spiegelselfies sind Hypefördernd. Allerdings gibt es in dieser Retrospektive mehr zu sehen, als diese populären, immersiven Rauminstallationen und es wird klar: die japanische Künstlerin, die gerade ihren 97. Geburtstag feiern konnte, ist so viel mehr als Punkte, Kürbisse und Unendlichkeits-Räume.
Ja, sie ein Social-Media-Superstar, aber ebenso eine vielschichtige Künstlerin. Ihr Weg war beschwerlich, ist es immer noch. Bereits als 10-jährige litt Yayoi Kusama an Halluzinationen. Über ihre Welt legten sich Netze, erzählt sie in ihrer Autobiographie.
Daraus entstanden später ihre Infinitynets, Bilder ohne Anfang und Ende.
Wiederholung & Unendlichkeit
Kunst ist für sie Überlebensstrategie. Sie bearbeitete so tiefgreifende Erfahrungen wie Sexualängste und bis heute geht es ihr um den immer währenden Kampf für Liebe und Frieden.
Seit 50 Jahren lebt sie freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Tokio. Sie reist nicht mehr, geht regelmäßig in ihr Studio, wo sie immer noch arbeitet. Unendlichkeit und Wiederholung sind bis heute ihre Themen.
In unserem Blog, habe ich vor fünf Jahren einen ausführlichen Beitrag zu Yayoi Kusama geschrieben. Wer mehr zu ihrem Leben und ihrer Kunst wissen möchte, den bitte ich hier nachzulesen.
Kleiner Tipp: für die Ausstellung im Museum Ludwig ist es hilfreich, sich im Vorfeld ein Zeitfenster-Ticket zu besorgen. Dann kann man ohne anzustehen, entspannt und mit viel, viel Zeit durch die einzelnen Kapitel ihres Lebens reisen.
Innehalten erwünscht
Es macht große Freude, sich in ihr Werk zu vertiefen. Zwischendurch lohnt es sich an den im Museum verteilten drei unterschiedlichen Spiegel oder Licht-Installationen anzustehen. Man kann Innehalten oder sich mit anderen Neugierigen austauschen.
Dachterrasse inklusive und dabei den Blick auf den Dom durch einen ganz besonderen gelben Kusama-Punkt suchen.
Noch ein Satz zu den Kürbissen. Für Yayoi Kusama, die aus einer Samenhändlerfamilie stammt, ist sie liebenswert. Sie ist sich sicher, dass sie eine wunderbar wilde und humorvolle Ausstrahlung hätten. Das Gewächs sei für sie ein starker, freundlicher Gefährte, der für mehr Menschlichkeit auf der Welt sorgt. Sie wünscht sich eine Welt ohne Terrorismus, Krieg und ohne nukleare Waffen.
Als ich aus Kusamas Welt wieder auftauche, scheint alles bunter und friedvoller – wenigstens für einen Moment.
Diese Ausstellung ist nicht nur für Kusama-Fans ein Must.
2. Berlin
Brancusi / Neue Nationalgalerie
Spurensuche
In Frankreich ist er fast ein Nationalheiliger, in Deutschland kennen ihn längst nicht alle. Jetzt kann man in der Neuen Nationalgalerie sich auf die Spuren von Brancusis Leben und Werk begeben.
Constantin Brâncuși wurde 1876 als Sohn einer einfachen Bauernfamilie in den rumänischen Karpaten geboren, ab 1904 lebte er in Paris. Dort gehörte er zur kosmopolitischen Avantgarde im Montparnasse-Viertel. Léger, Duchamps, Modigliani oder Man Ray zählten zu seinen Freunden.
Brancusi gilt als der Begründer der modernen Skulptur.
Umstrittene Skulpturen
Ständig war er auf der Suche nach der perfekten Form, reduzierte die Figur auf das Wesentliche bis in die pure Abstraktion. Sein Ideal fand er in hochpolierten Köpfen, die einem Ei, Kieselstein oder einer Zelle ähneln. Seine Vereinfachung war radikal, neu und seiner Zeit voraus. Immer wieder tauchen die endlose Säule, der Kuss, die schlafende Muse und Vögel im Raum als Motive bei ihm auf.
Mit seiner Prinzessin X löste er 1920 einen Skandal aus: Die Bronzeskulptur der Urgroßnichte Napoleons, Marie Bonaparte, wurde wegen ihrer phallischen Form als obszön eingestuft und aus einer Ausstellung entfernt. Die Kritik war sich einig:
Das ist keine Kunst.
Nationalheiliger in Frankreich
Von 1907 bis zu seinem Tod 1957 arbeitete er in seinem weiß getünchten Atelier in Impasse Ronsin. Es war der Treffpunkt der Pariser Avantgarde, das Zentrum seines Lebens und Arbeitens. Nach seinem Tod schenkte er das Atelier als Gesamtkunstwerk dem Museum für moderne Kunst. Sein rekonstruierter Arbeitsraum auf dem Platz vor dem Centre Pompidou ist ein Geheimtipp, die Brancusi-Ausstellung vor zwei Jahren in dem Museum war ein Publikums Hit.
Zuletzt vor 50 Jahren
Jetzt werden das ikonische Gebäude sowie der kleine Atelierraum davor renoviert. Als Teilrekonstruktion ist das Atelier nun das Herzstück der Berliner Brancusi Schau. Dazu kommen Postkarten, Fotografien, Filme und selten gezeigte Archivmaterialien.
Noch eine kleine Sensation ist die Tatsache, dass es die letzte Brancusi-Ausstellung in Deutschland vor 50 Jahren gab.
Brancusis organisch fließenden Objekte aus Alabaster oder goldener Bronze auf eher rauen Sockeln des Bildhauers sind ein gelungener Kontrast zu der geometrischen Strenge, dem Stahl und grünen Granit des Mies Van der Rohe Glastempels. Die Außenwelt ist dieses Mal durch graue Vorhänge vom Ausstellungsraum getrennt.
Herrlich Brancusi pur.
Möglichkeiten einer Insel – Denken in Bildern von Gerstenberg bis Scharf
Leidenschaft Kunst
150 Werke aus der berühmten Privatsammlung der Familie Scharf-Gerstenberg machen zusammen „Möglichkeiten einer Insel“. Die Ausstellung habe ich in den letzten Wochen öfter empfohlen, wenn ich nach einem Highlight in Berlin gefragt wurde.
In zwölf thematische „Inseln“ gesellen sich wohlvertraute Namen wie Renoir, Schiele, Beckmann, Tinguely zu zeitgenössischen Arbeiten. Allen Werken gemein ist, dass sie sich im Privatbesitz der Familie befinden. Es sind Bilder, die sonst nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind.
Eigentlich hängen sie in ihren Privaträumen, was die Ausstellungsarchitektur gekonnt unterstricht. Man möchte auf den Sofas zwischen coolen Lampen und mit klugen Büchern verweilen. Die Leidenschaft für Kunst dauert nun schon vier Generation lang.
Schön. Nichts wie hin.
3. Potsdam
Oscar Murillo. Kollektive Osmose
Da hängen sie also, diese drei ikonischen Werke von Claude Monet. Das Londoner Parlamentsgebäude, der Getreideschober im Abendlicht und seine berühmten Seerosen aus Givenchy. Letztere treten mit einem Werk von Oscar Murillo und Schulkindern in den Dialog. Der kolumbianische Künstler hat für das Museum (und als Intervention auch welche für das Barberini) neue Bilder aus seiner Serie „Frequencies“ geschaffen.
Für Murillo ist Kunst eine Form von Kommunikation. Im Minsk kann man an bestimmten Tagen gemeinschaftlich malen. Partizipation ist ein zentrales Element seiner künstlerischen Praxis.
Klingt seltsam? Ist unbedingt einen Besuch wert.
Danach über die Freunschschaftsinsel zum Museum Barberini spazieren. Dort die Interventionen von Murillo suchen. Und die Ausstellung „Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“ besuchen.
Jetzt Lust auf einen Kaffee? Ich empfehle das Café Franz schräg gegenüber.
4. München
Noch mehr Tipps
Wer gerne in München Ausstellungsbesuche einplanen möchte, dem sei mein Beitrag für den Februar ans Herz gelegt. Dort gibt es im Lenbachhaus „Shifting the Silence“ und in der Pinakothek der Moderne „Sweeter than Honey“ zu sehen. Beide großartig. Zu den Besprechungen bitte hier.
INFO
- Yayoi Kusama
Museum Ludwig
Bis zum 2. August, montags geschlossen
Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln
Wer nicht ins Rheinland reisen kann, könnte sich Yayoi Kusama per Katalog nach Hause holen.
- Brancusi
Neue Nationalgalerie
Bis zum 9. August, montags geschlossen, am Donnerstag bis 20 Uhr
Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin
- Möglichkeit einer Insel – Denken in Bildern von Gerstenberg bis Scharf
Sammlung Scharf-Gerstenberg
bis zum 3. Mai, montags und dienstags geschlossen
Schloßstraße 70, 14059 Berlin
- Oscar Murillo – Kollektive Osmose
Das Minsk
Bis zum 9. August, dienstags geschlossen.
Max-Planck-Straße 17, 14473 Berlin