Notiz
Dies hier sind lediglich ein paar Vorschläge, die Biennale betreffend. Ein gesamtes Bild sollten sich Besuchende am besten selbst vor Ort machen. Die Tage in der Kunst sind intensiv, anregend, irritierend, artifiziell, berührend, politisch aufgeladen und so viel mehr.
Unser Tipp: Lassen Sie sich treiben und von der Kraft der Kunst verführen.
Halten Sie inne, genießen Sie das Drumherum, die Auszeiten beim Essen, Select-Spritz und zahllosen Vaporetto-Fahrten. Dazu immer wieder on top die unendliche Schönheit Venedigs.
Welch Glück hierher reisen zu dürfen, um aktuelle Kunst zu sehen und intellektuellen Input zu haben. Zwischen Massentourismus und Skandalen. Natali und ich begegneten bei dieser Kunstbiennale-Ausgabe viel politischer Kunst, die auf den Lärm der Welt hinweist. Dabei den Raum öffnet, neue Impulse setzt und so – hoffentlich – den Dialog ermöglicht.
Prolog
Die Biennale besteht genau genommen aus zwei Teilen. Es gibt erstens 100 nationale Pavillons, die übrigens Ländersache sind, daher sind sie eigentlich immer auch politisch. Dazu kommt zweitens die Hauptausstellung („In Minor Keys“). All das ist auf die Giardini, das Arsenale und verschiedene Örtlichkeiten in der gesamten Lagunenstadt verteilt.
Die Hauptausstellung hat dieses Mal die südafrikanische Kuratorin Koyo Kouoh kuratiert. Sie hat sich ausdrücklich eine leise Biennale gewünscht. Wenige Monate nach ihrer Ernennung verstarb die Direktorin und Chefkuratorin des Zeitz MOCCA (Kapstadt) im Mai 2025 unerwartet an Krebs. Ihr Konzept für die Hauptausstellung hatte sie noch fertiggestellt und einem selbstgewählten Team übergeben, das ihre Ideen umgesetzt hat.
Es sollte eine Schau werden, in der es um Kunst geht, um deren heilende Kraft. Schönheit, Poesie und Radikalität der Freude sollten Mittelpunkt sein. Geteilte Freude. Entsprechend hat sie den Titel „In Minor Keys“ gewählt. Das heißt so viel wie „In Moll“. In der Musiktheorie beziehen sich die Molltonarten auf tiefe, melancholische und traumhafte Klänge. Sie sollen Freude, Trost und Hoffnung manifestieren.
Soweit die Idee. Das Gezeigte ist zum Vermächtnis von Kouoh geworden. Die Kunstwerke versuchen, Rhythmus sowie Melodie zu finden und zur polyphonen, harmonischen Versammlung zu werden.
Die Wochen vor der Eröffnung Anfang Mai waren allerdings geprägt von hitzigen Diskussionen rund um die Teilnahme der Pavillons von Russland und Israel. Schließlich trat die Jury zurück. Dabei vergibt die eigentlich zu Beginn der Biennale die begehrten Löwen an die Länderpavillons. Es gab viele Demonstrationen und gibt viel Polizeipräsenz. Alle Medien berichteten darüber – und die Kunst rückte aus dem Fokus.
Globale Krisen, politisches Chaos, eine instabile, sich verändernde Weltordnung, ein gefühlt permanenter Ausnahmezustand sind Tagesordnung. Ja, dazu passen Streit, Ärger und die heftigen Protestwellen in der ersten Biennale Woche.
Langsam wird es wieder ruhiger in der Serenissima. Vielleicht bleibt es so, denn es sollte um Kunst gehen sowie zuhören, hinschauen und leisere Töne.
In Minor Keys – Giardini
Neben diesem vielfach beschriebenen globalen Chaos gibt es zugleich Schönheit, Grazie, Licht, daran erinnert Kouohs Team. Wir müssen nur hinschauen. Also rein, in den Kunsthimmel, den sich Koyo Kouoh erdacht hat. Immerhin war sie die erste weibliche „Person of Color“, die die älteste Biennale der Welt leitet.
Zeit für frischen Wind. Den zu spüren, gelingt mir im Hauptpavillon der Giardini mal besser mal schlechter. Es dauert, bis ich mich zurechtfinde.
Dabei ist Auftakt vielversprechend. Die nigerianische Künstlerin Otobong Nkanga hat den Eingang des Hauptpavillon gestaltet. Die vier Säulen des Portals hat sie mit venezianischen Ziegelsteinen, Keramik und Pflanzen verziert. Dazwischen schweben Muranoglas Lampen, die an westafrikanische Kürbisse erinnern. Sie wiegen sich im Wind, leuchten in der Sonne und elektrisch bei Regen.
Geschlechterrollen, Mutterschaft, Schwarzsein, Verwerfungen des Kolonialismus, Folgen von Kriegen sind Themen der bisher eher wenig beachteten Künstlerinnen und Künstlern. 110 an der Zahl. Das sind hundert weniger als bei der 60. Biennale. Eigentlich überschaubar. Vor allem gibt es mehr als ein Werk pro Künstler*in zu entdecken. Oftmals sind mehrere Arbeiten nebeneinander in einen Dialog gesetzt. Zudem sind sie in beiden Teilen der Hauptausstellung (Giardini und Arsenale) verteilt.
Trotzdem überkommt mich immer wieder das Gefühl: Es ist zu viel, alles zu dicht. Ich muss nach den Beschreibungen der Werke suchen. Und verliere den gerade gefundenen Faden. Ich stoße mal hier, mal da auf Künstlerinnen, die ich kenne. Wie Billie Zangewa und ihre eindrücklichen Collagen aus Seide, die mich bezaubern.
Man muss sich einlassen auf diese sehr persönliche Auswahl. Kleinteilige Malerei gemischt mit größeren Skulpturen überzeugen nur an wenigen Stellen. Rückblickend finde ich die Präsentation im Hauptpavillon weniger stark. Nur wenige Arbeiten bleiben nachhaltig im Kopf verankert.
In Minor Keys – Arsenale
Anders im Arsenale. Dort klappt das „sich einlassen“ deutlich besser. Hier treffen viele Medien aufeinander. Malerei, Skulptur und Fotografie mischen sich mit Videoarbeiten, die teilweise sehr schön mitten in den Sälen und nicht nur in Kojen an den Seiten inszeniert werden. Allein diese Filme komplett anzuschauen, würde vermutlich Tage dauern.
In der alten Schiffswerft, begegnen mir Inhalte, die mich zwingen genauer hinzuschauen und trotzdem Luft für Poesie, Innehalten und Schönheit lassen. Ein Wermutstropfen sind die ebenfalls schwer zu zuordnenden und etwas klein geratenen Beschreibungen der Werke.
In der raumgreifenden Vier-Kanal-Videoarbeit von Cauleen Smith finde ich mich in Los Angeles zwischen Hollywood Hills, Schwarzer- und Latino-Community wieder. Gemütlich auf einem Sofa sitzend, Teppich zu meinen Füssen, in Musik und einen frisch verströmten Duft gehüllt, verweile ich gerne. Und denke über den Community-Gedanken nach. Gibt es Gemeinschaft wirklich oder ist das inzwischen zu einer leeren Worthülse verkommen?
Kurz dahinter begegnen mir endlose Filmrollen von Carrie Schneider, die zu einer riesigen Skulptur werden. Die amerikanische Künstlerin verbindet analoge Fotografie mit Film- und Archivbildern, um Erinnerung und Zeit sowie weibliche Bildwelten zu untersuchen.
Ikonische Filmszenen werden zu monumentalen, mehrschichtig belichteten Fotoarbeiten. Wer meint Romy Schneider, Sigmar Polke oder Chantal Akerman zu entdecken, sieht richtig.
Die Malerei des Kenianers Kaloki Nyamai habe ich schon länger auf dem Radar. Seine überdimensionalen Gemälde sind auch hier nicht zu übersehen. Er verwebt sein Kamba-Erbe, persönliche Erinnerungen und altes Wissen mit den Erzählungen seiner Großmutter. Dazu kommt das Können seiner Mutter, die Textilkünstlerin war. Gewalt trifft auf Schönheit, Erinnerung auf Vergessen, Verletzung auf Hoffnung.
Nayamai baut seine Leinwände aus Sisal und Papier. Nähte und Fäden bleiben bewusst sichtbar. Sie werden zur Metapher des Reparierens und des Aushaltens von Widersprüchen.
Ich bleibe in einer Installation von Kader Attia hängen. Mit Spiegeln beklebte Seile baumeln von der Decke, Filme werden projiziert. Mit „Whisper of the Traces“ lädt Attia uns ein, KI als einen griechischen Dämon zu betrachten, der nicht unbedingt nur Böses bringt. Vielleicht ein bedenkenswerter Ansatz?
Einem sich um die eigene Achse drehenden Olivenbaum schaue ich versonnen zu. Betrachte eine Armee kleiner, eher kitschig wirkender, Tonskulpturen. Ich halte vor einem riesigen mit Perlen bestickten Bild. Ich lausche einem Soundteppich, der Aufnahmen aus dem ersten Lock-down in Delhi mit arktischen Geräuschen vermischt. Seltsam schön.
Überhaupt gibt es viel zu hören. In einem kleinen Raum am Ende des Arsenales endet meine Reise durch die Hauptausstellung mit einer Installation von Laurie Anderson. Ihre Musik geht so leicht in den Kopf, aber die scheinbar achtlos an die Wand gekritzelten Gemälde wiegen Tonnen. Sie beschreiben das aktuelle Leben in Amerika – plötzlich liegt Pessimimus in der Luft.
Fünf Pavillons, die Sie gesehen haben sollten
- Giardini
Deutschland
Ruin
Bäm! Mitten in den Giardini steht plötzlich ein Plattenbau. Und über dem Portal ist das Wort Germania, an dem sich schon viele Künstler*innen abgearbeitet haben, verschwunden. Da ist er also – der erste rein ostdeutsche Pavillon. Die Kuratorin Kathleen Reinhardt (in Thüringen geboren, aber in Bayern aufgewachsen) hat gleich zwei ostdeutsche Künstlerinnen damit beauftragt diesen sperrigen Bau zu bespielen.
Schon der erste Blick auf den deutschen Pavillon überrascht mit eben dieser Architektur-Optik aus der DDR. Sung Tieu hat dem Gebäude mit drei Millionen Mosaiksteinen ein neues Gewand verpasst. Zugleich bringt sie damit ein persönliches wie politisches Thema nach Venedig. 1994 wohnte sie gemeinsam mit ihrer Mutter in diesem Haus, das jetzt eine Ruine ist.
Die Zeit in der Gehrenseestraße (Berlin-Lichtenberg) war nach der Wende mit Brutalität und Armut verbunden. Viele Vietnamesen wurden noch zu DDR-Zeiten als Vertragsarbeiter angeheuert, so auch ihr Vater. Die 1990er Jahre nach dem Mauerfall waren geprägt von Gewalt gegen Ausländer. Dafür stehen u.a. Rostock oder Hoyerswerda.
Diese Kippmomente bearbeitet die zweite Künstlerin Henrike Naumann im Innern des Pavillons. 1984 in Zwickau geboren, hat sie die DDR nur als Kind erlebt. Der Hauptraum ist in einem ätzenden mintgrün gestrichen. Das soll an russischen Kasernen erinnern, die in diesem Farbton gehalten waren. Dazu: Geteilte Möbel bis unter die Decke des x-Meter hohen Raumes.
Am Ende blicke ich auf einen Eisernen Vorhang. Geteilt, auch er. Der Fall des Ostblocks, die Wiedervereinigung, die Verschiebung von Grenzen – all das interessiert Naumann. Das Tableau auf der rechten Seite erinnert an ihren Großvater, der zeitgleich mit Gerhard Richter in Dresden studiert hat. Allerdings bleib er dem sozialistischen Realismus treu.
Fragen wie: was ist Ostdeutschland? In welchem Umfeld leben Menschen, die sich radikalisieren, wirft Naumann auf. Davon erzählen die zerschnittenen Möbelstücke und allerlei Kitsch-Devotionalien. Sie sind Zeugnis einer Zivilisation. Werden in ihrem Werk zu Versatzstücken des Alltäglichen, zeigen ein geteiltes Land. Was ist Ostdeutschland vor, während und nach der Mauer?
Diese Arbeit ist in Materie und Material zugleich Henrike Naumanns Vermächtnis. Nach kurzer schwerer Krankheit ist sie im Februar dieses Jahres im Alter von 42 gestorben.
Sung Tieu hat im Innern sehr behutsam in den Seitenräumen ihre Spuren gesetzt. Fragmente aus Glas. Arm- und Beinabrücke ihrer Mutter, die in einer Großwäscherei geschuftet hat. Hunderte Marienkäfer aus Schokolade stehen für ihre Lust die Berliner Wohnung zu dekorieren.
RUIN ist der Titel der gemeinsamen Arbeit. Eine doppelte Anspielung auf die Ruinen der Geschichte und das, was den Ruin in der Jetzt-Zeit ausmacht. Es bleibt jede Menge Raum für Spekulation, zwischen Wiedererkennen und Unbehagen.
Ein mich sehr überzeugendes, wenn auch komplexes Gesamtkunstwerk. Der Pavillon ist schön und schiebt gleichzeitig das Nachdenken an.
Österreich
Sea World Venice
Lange Schlangen davor, endlose Berichte auf allen Kanälen: Der österreichische Pavillon am Ende der Giardini ist allem Anschein nach d e r Publikumsliebling der 61. Venedig-Biennale.
Alle wollen sie sehen, diese vieldiskutierte, provokante Performance mit lauter nackten Frauen. Mit einer alarmschlagenden Menschenglocke beginnt (und endet) die einstündige Schau „Sea World Venice“ von Florentina Holzinger und ihrem Team. Die Choreografin hängt kopfüber in einer Glocke und fungiert als Klöppel. Man hält es kaum aus.
Ich denke an Hieronymus Bosch, der eine menschliche Glocke bereits 1486 in einer seiner grotesken Bildwelten gemalt hat. Ich erinnere mich an den österreichischen Skandalperformer Wolfgang Flatz. Er pendelte 1990 ebenfalls nackt und kopfüber zwischen zwei massiven Stahlplatten, sein Körper prallte gegen das Metall. Er ahmte die Bewegung einer Glocke nach.
Bereits wenige Minuten später wurde er bewusstlos. Bei Performances geht es oft um extremes Ausloten von Schmerzgrenzen. Von Grenzen, seien es die eigenen oder die Grenzen des Publikums. So auch bei Florentina Holzinger. Drastisch, explizit und schonungslos setzt sie sich mit Körpern und Nacktheit auseinander.
Holzingers Glockenschläge sind als schrilles Alarmsignal zu sehen. Radikaler Körpereinsatz wird mit tiefgreifender Kritik verbunden. Die Performance thematisiert ökologische Bedrohung, drohende Flutkatastrophen, den Untergang Venedigs, Endzeitstimmung durch den Klimawandel.
Während einige Performerinnen in Zeitlupe eine Wetterfahne erklimmen, rast gegenüber eine andere auf einem Jet-Ski im Kreis. Sie schlägt immer höhere Wellen. Nasses Publikum inklusive. Das Klima und die Welt ist im Wandel, wir können die Natur nicht beherrschen. Übrigens ist Fotografieren verboten. Denn, ja, alle performen nackt.
Und dann ist da noch die Shitshow, die Holzinger selbst Altar nennt. Während man die saubersten Dixie-Klos Venedig besuchen kann, um eine Spende zu hinterlassen, lebt nebenan in einem Wassertank für acht lange Stunden eine der Performerinnen. Sie steht, sitzt, liegt. Der Tank füllt sich angeblich nach und nach mit Urin und Exkrementen.
Alles ist miteinander verwoben, verbunden, verflochten. Das muss man nicht mögen. Holzinger regt dennoch zur Reflexion über Abhängigkeiten, Verletzlichkeit, Widerständigkeit und Missverhältnisse an. Chapeau.
Belgien
IT NEVER SSST
Sprache, Musik und sensorische Überladung mischen sich im belgischen Pavillon. Mit IT NEVER SSST hat mich Miet Warlop mit ihrer Performance verzaubert. Sprache, Rhythmus, Körper – alles prallt aufeinander. Der Pavillon wirkt wie ein Bildhaueratelier, das kurzzeitig zur Turnhalle mutiert.
Eine schräge Holzkonstruktion, irgendwo zwischen Tribüne und Lattenregal, wird zur Bühne, auf der Performer*innen den Raum wie ein Instrument bespielen. Trommeln vibrieren, Gipswörter werden getragen, gereicht, geschleppt, zerbrochen. Dabei verdrehen sich die Körper. Es wird gesungen, Laute und Wörter kommen aus den Mündern.
Die Wörter sind in vielen Sprachen auf Platten gebannt – ein Bild für das andauernde Rauschen unserer Gegenwart. Miet Warlops halbstündige Performance kanalisiert diese Überforderung nicht, sie zeigt sie: Missverständnisse, Lärm, Katastrophen – der Ist-Zustand der Welt.
Täglich werden neue Gipswörter gefertigt, zerbrochene Platten ersetzt – ein Kreislauf aus Machen, Ent-machen, Neu-machen. Warlop, seit zwei Jahrzehnten eine feste Größe des europäischen Avantgarde-Theaters, verschiebt in Venedig die Grenzlinien zwischen Performance, Skulptur und Ausstellung. Die Kunstwelt mag in Sparten unterscheiden – Warlop erinnert daran, wie falsch diese Trennung sein kann.
Zu jeder vollen Stunde beginnt diese Performance. Bitte eine kleine Wartezeit einplanen.
England
Predicting History. Testing Translation
Genug mit Performance? Wobei es im holländischen Pavillon ebenfalls eine gibt…
Ok, Sie sind auf der Suche nach Malerei? Dann empfehle ich den britischen Pavillon und die wunderbaren Tafelbilder von Lubaina Himid. Die 1954 auf Sansibar geborene Künstlerin hat vor acht Jahren als erste schwarze Frau den Turnerpreis in Großbritannien gewonnen. Sie kommt aus dem Theater, liebt Oper und schiebt meine Vorstellungskraft über „Malerei betrachten“ hinaus an.
Ihre Installation, ein Zusammenspiel aus Vogelstimmen-Sound (von Magda Staawarska) und Malerei, verhandelt Zugehörigkeit, Heimat und schwieriges Ankommen in der Fremde. Migration ist die zwangsweise Verlegung des Lebensmittelpunktes. Auf ihren monumentalen Tableaus sehe ich Figuren in surrealen Szenen. Sie kochen zum Beispiel an einem Tisch, doch wo sind die Tischbeine? ich denke darüber nach, wo ich die Gewürze der Heimat in der Fremde bekomme?
Im Zentrum von Himids Arbeit stehen unterschiedliche Vorstellungen von Schutz und Bleiben.Das oszilliert zwischen mobilen Rückzugsorten und dauerhaftem Verankern. Die strenge white-cube-Architektur des Gebäudes bekommt durch Klang (Vogelgezwitscher, Bienensummen) und Text in eine heimelige Atmosphäre. Himid spielt mit Ambivalenzen, Farben und Naturgeräuschen. Fragen nach Integrität, Identität, Geschichte und gesellschaftlicher Fragilität stellen sich ein.
Die Künstlerin vertraut auf die Kraft der Kunst. Sie schärft dabei den Blick auf eine Welt, die die eigene und politische Identität und somit unsere Rolle verändert.
- Arsenale
Indien
Geographies of Distance
Dazu passt der indische Pavillon. Der im Arsenale um zwei zentrale Fragen kreist: Wie bewahrt man ein Gefühl von zuhause, wenn man geografisch weit entfernt ist? Und was geschieht, wenn man physisch zwar in seiner Heimat ist, sich die Umgebung aber so stark verändert, dass sie fremd wird?
Beim Eintreten in den indischen Pavillon schaue ich auf eine von zwei Erdpaneelen. Die getrocknete, aufgeborstene Erde kommt aus Tamil Nadu, wo sich das Atelier des Künstlers Alwar Balasubramaniam befindet. Seine Arbeit lenkt den Blick auf etwas zutiefst Selbstverständliches: den Boden unter unseren Füßen, den wir oft nicht wahrnehmen. Dabei steckt in ihm auch Erinnerung, Herkunft und Zugehörigkeit.
Im Hauptraum entfalten sich verschiedene Arbeiten. Eine riesige schwebende Blüte ist von Ranjani Shettar und hat etwas von Alice im Wunderland. Traditionelle Handwerkstechniken sind ihre Inspirationsquelle. Dank der organischen, natürlichen Formen wird eine fragile, harmonische Atmosphäre spürbar. Heimat wird bei Shettar zum sinnlichen, kontemplativen Zustand.
Ihr abgerissenes Elternhaus in Delhi hat Sumakshi Singh aus feinen Fäden rekonstruiert. Die Künstlerin verwandelt Wände, Türen, Mauerwerk in eine fragile, zugleich geisterhafte Reminiszenz. Die Frauen in ihrer Familie pflegten als Tradition gemeinsame Stickarbeiten. Dieses Können hat sie in dem zarten Werk angewendet. Jetzt stehen die Arbeiten für Verlust, Erinnerung und die Frage, was von einem Zuhause bleibt, wenn es nicht mehr existiert.
Die von Amin Jaffer kuratierte Ausstellung mit fünf Künstlerinnen und Künstlern versteht Heimat nicht als festen Ort. Aber als emotionalen Zustand, der geprägt ist von Erinnerung, Wegfall und Veränderung. Man muss nicht aus Indien stammen, um in diesem Pavillon über die eigene Vorstellung von zuhause zu sinnieren.
Epilog
So, und was ist jetzt eigentlich mit den Löwen? Gold- und silberfarben werden sie normalerweise von der Jury aus Fachleuten vergeben. Die Jury ist nach den Verwerfungen um die russischen und israelischen Länderpavillons Anfang Mai zurückgetreten. Nun soll es einen Publikumspreis geben, am Ende der Biennale. Aber auch das wird schwierig, denn gut 80 Künstlerinnen und Künstler haben sich von dieser Idee distanziert.
Vielleicht gar nicht so falsch. Richtig in Zeiten, in denen Kunst plötzlich als Soft Power benutzt wird? In Zeiten, in denen der Ruf nach „entpolitisierter“ Kunst lauter wird. Ein Beispiel dafür ist im amerikanischen Länderbeitrag zu sehen. Fader geht es fast nicht.
Alles erstmal egal. Die Schönheit Venedigs ist ein wunderbares und zugleich vergängliches Gesamtkunstwerk, das alles in sich trägt, was sich Koyo Kouoh gewünscht hat.
Also durchatmen und alle Sinne auf Empfang.
Wer keine Lust auf die Biennale hat und dennoch Kunst genießen möchte: Teil zwei mit Tipps für den Blog über die kollateralen Ausstellungen in herrlichen venezianischen Palazzi und Kirchen oder versteckten Kunstorten folgt an dieser Stelle im Juni.
Und noch eine Einordnung
INFO:
Alles zur 61. Biennale „In Minor Keys“ in Venedig finden Sie hier.
Unsere Venedig Restaurant-Tipps:
Eines unserer Favoriten, wir waren hier wieder und es ist immer noch gut. Reservierung erforderlich.
Ristorante San Trovaso (Dordoduro)
Das Ristorante San Trovaso in Dorsoduro gehört zu den Orten, die man in Venedig am liebsten für sich behalten würde und über dessen Tipp wir sehr begeistert waren. Wir waren gleich zweimal hier zu köstlichen Spaghetti al vongole, tollstem Fleisch, gegrillten Fisch und mehr. Perfektes Preis-Leistungs Verhältnis und sehr netter Service. Angeblich essen hier abends die Gondoliere. Bitte reservieren. Man kann sowohl drinnen als auch draussen essen.
Osteria Promessi Sposi (Cannaregio)
Osteria Ai Promessi Sposi in Cannaregio ist ebenfalls ein Venedig-Geheimtipp, den man nur ungern weitergibt. In der kleinen Osteria mit ihren eng stehenden Tischen und viel venezianischem Charme gibt es köstliche Fisch und Meeresfrüchte.
Der Name geht übrigens auf den berühmten italienischen Roman I Promessi Sposi (Die Verlobten) von Alessandro Manzoni zurück. Da das Restaurant ausschließlich Innenplätze hat und nicht besonders groß ist, empfiehlt sich eine Reservierung. Wer einen Tisch ergattert, erlebt venezianische Küche fernab der großen Touristenströme.
Estro (Dorsoduro)
Klassisch, traditionell, venezianisch mit einem Twist. Entspannt im Ambiente einer Weinbar sitzen, essen und sich über das schöne Ambiente freuen. Empfehlenswert, aber unbedingt reservieren!
Impronta – wir waren sehr angetan. Reservierung empfohlen.
Köstlich war es auch in der Osteria al Ponte.
Oder einfach nur auf ein paar Cicchette in eines der vielen Bacari.
Bacari sind die legendären venezianischen Weinbars – unkomplizierte Orte für ein Glas Wein, einen Spritz und die berühmten Cicchetti, die venezianische Variante der Tapas. Dazu einen Campari Spritz oder Select, der venezianischen Variante des Bitters. Unser Lieblingsplatz dafür:
Il Cantinone „GIA SCHIAVI“ (Dorsoduro)
oder Osteria Al Squero, ein paar Häuser weiter, auch in Dorsoduro am gleichen kleinen Kanal und herrlich zum Sonnenuntergang.
Unsere liebsten Bacari im Überblick:
- CANTINE DEL VINO GIÁ SCHIAVI AL BOTTERGON
- VINO VERO
- AL MERCÁ
- BACARAO DA FIORE
- TIMON
- BACARANDO
- CANTINA DO SPADE
- ENOTECA AL VOLTO
PS: Wie man einen wirklich guten Negroni mixt, erfahrt ihr HIER
Die legendären Rezepte unseres Lieblings Bacaro, der CANTINE DEL VINO GIÁ SCHIAVI AL BOTTERGON, finden sich in einem kleinen Buch – hier gehts zur Besprechung.