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Die Kartoffel in der Hauptrolle
Es gibt Kochbücher, die blättert man durch, denkt sich „schön gemacht“ und stellt sie anschließend ins Regal zwischen die drei anderen Bücher, aus denen man nie wirklich kocht.
Und dann gibt es Kochbücher, die plötzlich dafür sorgen, dass man nachts um halb zwölf googelt, warum Kartoffeln eigentlich erst im 18. Jahrhundert in Deutschland populär wurden und weshalb es ernsthaft Menschen gibt, die über Kartoffelsorten sprechen wie andere über Naturwein. Und warum der 30. Mai der Tag der Kartoffel ist und was das überhaupt bedeutet.
Dieses Buch gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Kartoffeln schmecken nach Zuhause
Und es gibt Gerichte mit Kartoffeln in der Hauptrolle, die schmecken nach Zuhause. Für mich ist das der schwäbische Kartoffelsalat meiner Mutter und Großmütter. Echter schwäbischer Kartoffelsalat: mit Brühe, Essig, noch leicht warm, gut durchgezogen und schlozig! Aber nicht nur in dieser Form liebe ich Kartoffeln, ich vergöttere auch ein perfektes Gratin oder ganz dünne Pommes-Frites in einem französischem Bistro oder auch Kartoffeln bester Qualität einfach nur mit Butter und Kräutersalz.
Natürlich kannte ich die Klassiker: Rösti, Gratin, Püree, Ofenkartoffeln. Und natürlich wusste ich auch, dass es viele Sorten gibt, die Kartoffel gesund ist und, und, und ….
Aber Kartoffelmarmelade? Kartoffeleis? Davon hatte ich noch nie gehört.
Und ab diesem Moment hat mich dieses Buch sehr neugierig gemacht. Ich merkte, ich habe die Kartoffel als Grundzutat zu wenig beachtet, zu wenig mit ihr in der Küche experimentiert und überhaupt sie nicht entsprechend gewürdigt (außer natürlich in meinem geliebten schwäbischen Kartoffelsalat).
ALLES KARTOFFEL – mehr als ein Kochbuch
Das Buch ist nicht laut. Nicht effektheischend. Es entspannt beim lesen, es macht neugierig und es macht großen Appetit! Ich merkte plötzlich, wie wenig man eigentlich über ein Lebensmittel weiß, das man seit Jahrzehnten ständig isst.
Ich wusste zum Beispiel nicht:
– dass es weltweit tausende Kartoffelsorten gibt,
– dass Kartoffeln klimatisch erstaunlich robust sind,
– dass sie für Ernährungssicherheit eine riesige Rolle spielen,
– und dass man über Kartoffeln offenbar genauso nerdig reden kann wie über Pasta, Wein oder Sauerteig.
Die Kartoffel: unterschätzt seit Jahrhunderten
Was ich an diesem Buch besonders mag: Es behandelt die Kartoffel nicht als langweilige Beilage, sondern mit echtem Respekt. Nicht ironisch. Nicht hipsterhaft überhöht. Nicht auf Krampf modernisiert. Sondern einfach als das, was sie ist: eines der genialsten Lebensmittel überhaupt.
Denn , die Kartoffel kann alles.
Sie tröstet. Sie sättigt. Sie macht knusprig. Sie macht cremig. Sie funktioniert in Sterneküchen und auf Gartenfesten. Und sie rettet regelmäßig das Abendessen, wenn im Kühlschrank eigentlich „nichts mehr da“ ist.
Allein dafür hätte sie eigentlich mehrere Feiertage verdient.
(Und ja – inzwischen weiß ich sogar, dass es tatsächlich zwei Kartoffel-Feiertage gibt)
Zwischen Küchenwissen, Kulturgeschichte und sehr großem Appetit
Besonders schön finde ich, dass dieses Buch nicht nur Rezepte liefert, sondern auch Geschichten erzählt. Über Herkunft. Über Sorten. Über Zubereitung. Über kulinarische Traditionen. Es ist auch ein Lexikon der Kartoffel ohne den Staub von Lexika.
Und die Rezepte?
Sehr gefährlich!!!
Zumindest für alle, die eigentlich nur kurz durchblättern wollten. Denn plötzlich sitzt man da und denkt:
Vielleicht sollte ich dringend Kartoffeleis probieren.
Oder Kartoffelmarmelade. Oder irgendein absurd gut klingendes Rezept, bei dem man mitten im Lesen innehält und denkt:
Warum mache ich eigentlich seit Jahren immer nur Kartoffelsalat oder Gratin?
Dieses Buch hat mich komplett daran erinnert, wie kreativ Kartoffeln eigentlich sein können. Nicht nur als Beilage. Sondern als echte kulinarische Spielwiese. Seit der Lektüre schaue ich anders auf Kartoffeln. Und ertappe mich bei dem Gedanken:
Das könnte ich eigentlich auch mal mit Kartoffeln ausprobieren.
Die Rezepte wirken dabei angenehm machbar. Nicht überstylt. Nicht verkünstelt. Sondern nach echter Küche. Nach Essen, das man wirklich kochen UND essen möchte.
Und genau das ist vermutlich die größte Stärke des Buches. Es macht Lust auf Kartoffeln. Sehr große Lust.
Kochen mit Neugier statt Küchen-Ego
Der Autor Martin H. Lorenz hat auch das von mir rezensierte und sehr geliebte Kochbuch „Nur Suppe“ geschrieben. Ich mag seine Bücher, sie vermitteln viel Wissenswertes ohne das Gefühl, etwas „lernen zu müssen“.
Und genau das kann längst nicht jedes Kochbuch. Denn neben den Rezepten vermittelt er ganz nebenbei Wissen – über Zutaten, Zubereitung, Traditionen und Geschmack – ohne jemals langweilig zu werden. Man merkt, dass hier jemand schreibt, der Essen wirklich liebt. Und Menschen fürs Kochen begeistern möchte.
Fazit
Dieses Buch hat es geschafft, dass ich die Kartoffel mit neuen Augen sehe und sie mehr würdigen werde in meinem kulinarischen Alltag und vor allem beim improvisieren in der Küche.
Wer Kartoffeln liebt, wird dieses Buch mögen. Wer denkt, Kartoffeln seien langweilig, sollte es erst recht lesen.
Und ich?
Ich habe nach der Lektüre erstmal Kartoffelsalat gemacht. Natürlich echten schwäbischen aus festkochenden Kartoffeln und noch heiß angemacht und hauchdünn geschnitten – immer noch mein liebstes Kartoffelgericht!
Aber ….. schon sehr bald werde ich viele dieser wunderbaren Rezepte mit Kartoffel in der Hauptrolle ausprobieren …. z.B. meine erste Kartoffelmarmelade ,-)
Lust auf Kartoffeln?
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Oder Lust auf Suppe – ein weiteres tolles Kochbuch von Autor Martin H. Lorenz:
NUR SUPPE – Hier gehts es zur Rezension.