Die Holländerin Hedwig Fijen hat die Manifesta vor 30 Jahren, 1996, in Rotterdam gegründet. Ihre Idee: Eine nomadische Biennale, die quer durch Europa zeitgenössische Kunst zeigt, und die sich auf das jeweilige Land sowie seine Gegebenheiten bezieht. Kuratoren-Teams, bei der Manifesta Creative Mediators genannt, entwickeln die ortsspezifischen Projekte. Für diese Ausgabe waren das drei Creative Mediatoren im Alter von 80 Jahren im Duo mit jüngeren Kolleg*innen sowie zwei weitere CMs. Das Ergebnis ist spannend.
Ausserdem hat Joseph Bohigas das dezentrale Konzept dieser Biennale-Ausgabe entwickelt. Ihm geht es dabei um die stadtplanerischen Entwicklungen und die soziale Struktur im Ruhrgebiet. Es entstand eine Studie, zu der ein ausgiebiger Katalog erschienen ist.
Nach der 1. Manifesta in Rotterdam gab es unter anderem Ausgaben in Luxemburg, Zürich, St. Petersburg, Palermo, Marseille oder Pristina und zuletzt Barcelona. Nun also ist die Wanderbiennale im Ruhrpott zu Gast – genauer in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen.
Die Manifesta 16 Ruhr lädt dazu ein, Zukunftsvision für profanierte (entweihte und aufgegebene) Kirchen zu entwerfen. Gemeinsam zu überlegen, wie diese Räume zum sozialen und kulturellen Leben der Orte im Ruhrgebiet beitragen können. Community und Transformation ist das Große wie passende Thema dieser Manifesta-Ausgabe.
Das Ruhrgebiet – Glück auf!
Kohle und Stahl machten den „Pott“ im 19. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Wirtschaftszentren Europas. Das Ruhrgebiet ist eine klassische Einwandererregion. Bereits ab 1870 kamen die sogenannten Ruhrpolen aus den preußischen Ostgebieten, gefolgt von Italienern, Griechen und Türken in den 1960er Jahren. Die Region zwischen Duisburg und Dortmund stand für Arbeitsplätze und stetig wachsenden Wohlstand.
Mit dem Niedergang der Montanindustrie änderte sich das grundlegend und die Grenze der Armutsgefährdung stieg dramatisch. Inzwischen steht die Region mit seinen fünf Millionen Einwohnern für Wandel, Innovation und Vielfalt. Hochschulen, Dienstleistungsunternehmen und Museen und Kulturstätten wie das UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein in Essen sind prägend.
Wer die Kunst sehen will, muss sich von Kirche zu Kirche bewegen. Überall gibt es kleine oder größere Gruppenausstellungen zu sehen. Das Ruhrgebiet ist nicht nur die Kulisse. Es wird schnell politisch.
Bei der Manifesta sind Migration, Strukturwandel, Transformation und Gemeinschaft sowas wie eine alles zusammenhaltende Klammer. Was hält die Gesellschaft zusammen? Wo können sich Menschen treffen, ohne etwas zu kaufen? Im Mittelpunkt steht jedoch die Frage, ob profanierte Kirchen, derer es unzählige gibt, für das tägliche Leben neu gedacht werden können.
Schon im Vorfeld hat sich die Manifesta 16 Ruhr eng mit Initiativen und der Bevölkerung des Ruhrpotts verwoben. Jetzt wird gemeinsam Basketballspiel gespielt, Musik gemacht, gekocht, gewebt. In einem Teegarten kann jeder einen eigenen Tee zusammenstellen. Bemerkenswert: Der Eintritt ist in allen Kirchen frei.
Kirchen als Manifesta-Kunstorte
Nach dem zweiten Weltkrieg entstanden im Ruhrgebiet 1000 Kirchen. Sie wurden „Pantoffelkirchen“ genannt. Den Name erfand der erste katholischen Bischof im Ruhrgebiet, Franz Hengsbach. Er wollte die neu zu bauenden Gotteshäuser so nah an den Wohnungen haben, dass man sie in Pantoffeln erreichen konnte. Heute stehen sie meistens leer und gehören zu insgesamt 20 000 Kirchen in ganz Deutschland, die keine Funktion mehr haben.
Die Kirchengebäude im Ruhrpott sind kleine architektonische Juwelen der Nachkriegsmoderne. Aus Beton, Backstein oder Holz mit farbigen Fenstern und Mosaiken, kunstvollen Faltwänden, beeindruckenden Dächern. Auch daher ein lohnenswerter Ausflug.
Wir haben die Manifesta in Duisburg gestartet. Aldlerdings kann das jeder so machen, wie es am besten in die eigene Tour passt.
Manifesta in Duisburg
Am Zusammenfluss von Rhein und Ruhr liegt Duisburg. Wasser und Industrie haben die Stadt geprägt, die bis heute ein zentrales Logistikdrehkreuz in Europa ist. Die Kulturkirche Liebfrauen gehört zu den bedeutendsten Kirchen der Nachkriegsmoderne im Pott. Der zweigeschossige Kubus verbindet Architektur und Kunst, wie eine besonders gefaltete Wand aus glasfaserverstärktem Plexiglas belegt. In dieser entweihten Kirche ist die Transformation bereits geglückt. Während Teile des Bauwerks noch für Gottesdienste genutzt werden, ist die Oberkirche ein Ort für Kultur geworden.
Hier hat mich die Akustik-Installation von Abbas Zahedi besonders in den Bann gezogen. Er hat aus modularen Metallkästen, umfunktionierten Verteilerkästen und (teilweise in Kiew) gefundenen Orgelpfeifen ein gelungenes Kunststück samt Sound für den Kirchenraum konstruiert.
Kleine Laternen von Julian Irlinger und alte Fensterscheiben des Duisburger Hauptbahnhofs treten ebenfalls in den direkten Dialog mit dem Gebäude.
Manifesta in Essen
Einst Herzstück der deutschen Kohle- und Stahlindustrie hat sich die Stadt dank endloser Grünflächen zu einer grünen Oase gewandelt. Darüber hinaus lohnt der Besuch in diversen Museen, Theatern, dem größten Kinosaal Deutschlands (Lichtburg) und dem Essener Dom mit seiner Goldenen Madonna.
Die Kirche St. Getrud nah dem Essener Hauptbahnhof wurde 2025 zu einem Zentrum für Kunst, Kultur und Bildung umgestaltet. Die Hochschule für Bildende Künste Essen hat hier ihre Räume aufgeschlagen. Zu Mikro-Ateliers im Kirchenraum gesellen sich jetzt Kunstwerke, die extra für die Manifesta entstanden sind. Da sind ehemalige Kirchenbänke, die Nasan Tur senkrecht aufgestellt hat und immer wieder mit einem Werkzeug bearbeitet. Olaf Metzel fängt mit seiner Skulptur die Atmosphäre der Stadt ein. Großartig ist auch der gläserne Beichtstuhl von Ayşe Erkmen und das Fiberthermometer, das Pravdoliub Ivanov im Fenster der blauen Kapelle installiert hat.
Das Werk vor der Kirche, der „Security Tree“ von Halil Altındere, spiegelt die zunehmende Präsenz von Überwachung im Alltag. Ob auf Smartphones, Online-Plattformen oder im öffentlichen Alltag – überall werden Daten über unsere Bewegung, Gewohnheiten und Identitäten aufgezeichnet.
Weiter geht es zur St. Marienkirche mit Werken von Alicja Kwade, Katharina Frisch, Annika Kahrs und SUPERFLEX. Die Kirche steht seit Jahren leer und leider auch vor einer ungewissen Zukunft.
Im Stadtteil Frohnhausen wartet die kleine Markuskirche als Ort der Einfachheit. Obwohl das Gebäude eng mit Kindergarten, Schule und Gemeindezentrum verwoben ist, bleibt ebenfalls unklar, was mit ihm nach der Manifesta passiert. Kirchenbänke sind hier ebenfalls zum Kunstwerk geworden. Dieses Mal hat Augustas Serapinas ein Podest gebaut, das den Blick von oben auf den Kirchenraum ermöglicht.
Manifesta in Bochum
Hier ist im Ruhrgebiet eines der Zentren für Forschung, Kultur und Bildung. Die vier Kirchen für die Manifesta finden sich in Wohnvierteln, die stark von Migration, wirtschaftlichem Wandel und sich verändernden sozialen Strukturen geprägt sind.
Als must-do würde ich Christ-König nennen. Die Kirche ist ein Nachbau eines ehemaligen Franziskanerklosters aus dem Jahr 1932. Nach Schließung 1998 wurde sie 2010 als Ausstellungs- und Kulturraum umgenutzt. Nach der Manifesta soll das Gebäude in ein Puppentheater umgewandelt werden. Die an dieser Gruppenschau beteiligten fünfzehn Künstlerinnen und Künstler setzen sich mit Fragen der Erinnerung, Mitschuld und Auslöschung auseinander.
Eine Madonna sitzt ohne Kind vor dem Gebäude und besteht aus einem mit Kohle gefüllten Stahlgerüst. Herabfallende Vögel im Kirchenraum erinnern daran, dass wir mehr und mehr unseren eigenen Fluchtinstinkt bei nahender Gefahr verlieren. Und erzählen gleichzeitig noch die ein oder andere mir neue Geschichte. Der belgische Maler Luc Tymans entmystifiziert Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“ mit einem riesigen Vorhang in dem er sie Nazisymbolik entfernt hat. Hier, in Christ-König, gibt es in den Seitenräumen und im ersten Stock viel Beeindruckendes und Bewegendes zu entdecken.
Danach tut etwas Zerstreuung in St. Ludgerus gut – die Kirche gleicht einer Sporthalle. Neon pink gestreifte Fußballtore oder Basketballkörbe wollen getroffen werden. Wer den Schuss verfehlt, erzeugt einen Ton auf der Orgel.
Weiter geht es nach Goldhamme, einem von Stahlindustrie und ihren Arbeitern geprägten Stadtteil. In der 2022 entweihten Kirche St. Anna öffnet sich nun der Raum für den Dialog mit der Kunst. Die gezeigten Gemälde, Videos und Skulpturen befassen sich mit den Geschichten der Bergleute und der Region. Nicht verpassen: Schräg gegenüber gibt es eine in Bochum legendäre Eisdiele. Unbedingt eine Wartezeit einkalkulieren – zur Belohnung gibt es neben Gesprächen mit Anwohnern einen grandiosen, frisch zubereiteten Eisbecher.
Ein Beispiel für eine protestantische Notkirche, also ein aus Fertigteilen schnell gebautes Gebäude, ist die Gethsemane-Kirche. Die hinter dem Gemeindesaal versteckt in einem Garten liegende Kirche wird übrigens noch genutzt. Die Ausstellung entfaltet sich parallel zum Gemeindeleben inklusive Hüpfburg von Marina Naprushkina in Kirchenglockenform.
Manifesta in Gelsenkirchen
Man glaubt es kaum: in den Wirtschaftswunderjahren avancierte Gelsenkirchen zu einer der reichsten Städte der Bundesrepublik. Kohle und Stahl sorgten für Wohlstand. Mittlerweile prägen Armut und Arbeitslosigkeit hier das Leben vieler Menschen.
Einen Traum in Schalker Blau finde ich in Gelsenkirchener Kirche St. Josef. Das Innere hat Penique Productions mit einer aufblasbaren Membran gefüllt. Kirchenbänke sind zu coolen Möbeln umgenutzt und auf dem Boden verteilter Sand befeuert den Gedanken der Transformation zusätzlich.
In Gelsenkirchen-Schalke-Nord ist die St. Anna – Hatay Engin Musikhalle nach der Schließung 2007 zu einem inklusiven Begegnungszentrum geworden. Der Name erinnert an den Sänger Hatay Engin (1948 – 2020), eine prägende Stimme der türkischen Kunstmusik in der Berliner Diaspora. Jetzt gibt es im Innenraum neben tollen Glasfenstern Kunst von Ming Wong, Philipp Gufler oder Emre Abut zu sehen.
Wie ein kleiner Kristall ist die Thomaskirche geformt. Der Ort trägt jetzt den Zusatz Hava Güleç Wohnzimmer. Benannt nach der Akkordarbeiterin Hava (1941 – 2009), deren Fürsorge das Zusammengehörigkeitsgefühl in dem Quartier stärkte. Hier sind nun Textilarbeiten von Frauen, die Ende der 1950er Jahre als Arbeiterinnen in die Bundesrepublik kamen, ausgestellt. Sie werden ergänzt durch Arbeiten von Künstlerinnen wie Ayzit Bostan. Das ist überraschend gut. Die Stadttaube auf der Fassade stammt von Gülbin Ünlü und erwidert unausweichlich meinen Blick getrau dem Motto „Ich sehe Dich – Du siehst mich“.
Zum Abschluss meiner Tour war ich im St. Bonifatius – Ferdane Satir Teegarten. Gewidmet ist sie Ferdane Satir, einer Mutter, die bei einem rassistischen Anschlag 1984 in Duisburg ums Leben gekommen ist. Im Innern habe ich Kunstwerke von Justin Lieberman, Judith Hopf, Jannis Psychopedis, Özlem Altın oder Ishan Ece betrachtet. Und ich habe vor dem Backsteinbau meinen eigenen Tee aus Kräutern (von Bureau Baubotanik) zusammengestellt und genossen.
Fazit zur Manifesta
Alles in allem fand ich diese Ausgabe der Manifesta geglückt. Man kann darüber streiten, ob man vielleicht etwas zu viele Kirchen und Gruppenschauen besuchen muss. Angesichts der doch sehr unterschiedlichen Architekturen und der anregenden Kunst hat mich das Hopping konstant im Neugier-Modus gehalten.
Klar, nicht jede Gruppenschau ist überzeugend und die Frage, wie die entweihten Kirchen für die Gesellschaft neu gedacht werden können, wird nur fragmentarisch beantwortet.
Dennoch ist das hier eine Empfehlung für den Besuch im Ruhr-Pott. Anders als die diesjährige Venedig-Biennale „In Minor Keys“ zerfasert die Manifesta 16 Ruhr nicht so arg. Ich nehme nach zwei Tagen viele Learnings, Ahh und Ohh-Momente mit.
Info
Die Manifesta 16 Ruhr läuft noch bis zum 4. Oktober – alle Infos hier.
Es gibt die Möglichkeit die Tour mit dem Rad auf ehemaligen Bahntrassen abzufahren. Das soll großartig sein, erzählte mir eine Kollegin. Alle Infos dazu finden sich hier.
Noch ein Tipp: Den Guide zur Manifesta gibt es für € 5.- an den Infospoints (Kulturkirche Liebfrauen / Duisburg, St. Gertrud / Essen, Christ-König / Bochum oder St. Bonifatius – Ferdane Satir Teegarten / Gelsenkirchen). Darin finden sich zudem für jede Stadt nützliche Informationen in punkto Kultur, Sehenswürdigkeiten, Essen und Trinken.
Noch mehr Kunst?
In Duisburg empfehle ich das Lehmbruck Museum, eines der Skulpturenmuseen in Deutschland, und das MKM Museum Küppersmühle, wo es zeitgenössische Kunst in einem ehemaligen Getreidesilo zu erleben gibt.
In Essen bitte das Museum Folkwang, das Aalto-Theater und die Zeche Zollverein (UNESCO-Welterbe) nicht verpassen.
Dann gibt es noch das Kunstmuseum Bochum, das Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop oder in Dortmund in das Museum Ostwall.
Gelsenkirchen lockt zudem mit dem Kunstmuseum Gelsenkirchen und dem Musiktheater im Revier (mit Kunst von Norbert Kricke, Jean Tinguely und Yves Klein).
Und als letzten Tipp: der Skulpturenpark Waldfrieden des Bildhauers Tony Cragg in Wuppertal, der hier bald einen eigenen Beitrag bekommt. Es gibt im Ruhrpott so wahnsinnig viel Kunst zu entdecken.