Start in den Kunst-Herbst

Endlich! Alles neu macht – der September! Gut erholt geht es in den Kunstherbst. Bereits zum 15. Mal lädt die Berlin Art Week zu einem fantastischen Programm. Derweil entführt das Münchner Haus der Kunst in verwobene Welten und Salzburg trumpft mit Baselitz auf.

written by Gastautorin Juliane Rohr 5. September 2026

Berlin Art Week

Wow, was für ein Programm: Zum 15. Mal wird die ganze Stadt zu einem einzigen, inspirierenden Kunstort. Die Berlin Art Week läutet nach einer langen (dringend benötigten) Sommerpause einen Herbst voller zeitgenössischer Kunst ein. An fünf Tagen gibt es zwischen dem 9. Und 13. September in zahllose Galerien, Museen, Institutionen, Projekträume, Messen und private Sammlungen spektakuläre Eröffnungen. Wie immer gibt es das meiste über die Tage hinaus zu sehen. Es macht allerdings großen Spaß sich mit Neugierigen in dieser knappen Woche durch die Berliner Kunstszene zu bewegen und ins Gespräch zu kommen.

Vorab meine kleine Highlights-Liste, die schon sofort gestartet werden kann:

graDie „Wilhelm Hallen 07“ in Reinickendorf sind eine gelungene Mischung aus Ausstellung und Mini-Messe. Der Entdecker-Modus versetzt mich im rauen Industriecharme einer alten Eisengießerei in einen besonderen flow. Ich freue mich bereits am dem 5. oder 6. September auf 9000 Quadratmetern neue zeitgenössische Positionen toll inszeniert zu entdecken.

Ab Mittwoch (9. September), zum offiziellen Auftakt, ist der Berlin Art Week Garten am Kulturforum der Festivaltreffpunkt für alle Interessierten. Hier kann man sich über alles informieren, was so läuft. Es gibt Readings, Performances, Projektionen auf Gebäude und jede Menge Openings, unter anderem Maurizio Cattelan mit „Night“ in der Neuen Nationalgalerie (ab 21 Uhr). Ich werde im Oktober-Blogbeitrag über die mit Spannung erwartete Ausstellung des italienischen Kunststars berichten. Wer zur Berlin Art Week nicht Schlange stehen möchte: die Schau läuft bis März 2027.

Am Donnerstag öffnet die Positions Art Fair ihre Hangars. Und abends laden 50 teilnehmende Galerien gleichzeitig zur Gallery Night. Das Gallery-Hopping startet um 18 Uhr und geht bis 22 Uhr, am Wochenende haben alle Galerien geöffnet. Herrlich!

Zur Messe Positions Berlin Art Fair gehe ich am Freitagvormittag. Auch dieses Mal findet sie am Flughafen Tempelhof in den Hangars 5 – 6 statt. Ein Muss nicht nur wegen der vielfältigen Kunst und des ikonischen Ortes, sondern auch, weil es ein spannendes Talk-Programm gibt. Außerdem gehe ich bestimmt ins C/O Berlin, wo ich mich auf ein Wiedersehen mit Carrie Mae Weems freue. Wir hatten die Besprechung einer Ausstellung in Basel der amerikanischen Künstlerin hier im Blog.

Die privaten Sammlungen und Atelierhäuser lassen am Samstag den Blick in ihre Räume zu. Für mich geht es zu Hannah Hallermann und ihre Schau „Sewing“ in den neuen Räumen der Miettinen Collection. Dann fahre ich nach Lichterfelde West ins Achim Freyer Kunsthaus, wo ich um 12 Uhr die junge Künstlerin Lunita-July Dorn in ihrer ersten größeren Ausstellung treffe. Später geht es zurück in die Stadt, wo ich im SMAC (Linienstraße 57) ein Gespräch mit dem österreichischen Konzeptkünstler Alfredo Barsuglia führen darf. Los geht es um 17 Uhr – jeder ist herzlich willkommen. 

Sonntags lasse ich mich quer durch die Stadt treiben, genieße das Flair und die Kunst, in dem Wissen, dass ich die meisten Museen und Galerien noch länger besuchen kann. 

Viel Spaß!

München 

Tomás Saraceno. Verwobene Welten

Gleich im ersten Raum finde ich ein Museum im Museum. Die riesige Blase aus achtlos weggeworfenen Einkaufstüten „Museo Aero Solar“ bläht sich zu einem begehbaren Kunstwerk auf.  Und schon bin ich mittendrin in „Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten“. Der argentinische Installationskünstler verwandelt das Erdgeschoss im Haus der Kunst in einen Ort, in dem alles miteinander in Beziehung steht: Luft, Wasser, Spinnen, Menschen, Landschaften und politische Konflikte. 

Fasziniert bleibe ich vor einem Wasserbecken sitzen. Hier spiegeln sich kleine und große Kugeln, sie erzeugen Lichteffekte, die einfach zu schön sind. Es ist jedoch Ernst: Der flache, 400 Quadratmeter große See mitten im Museum, verweist auf ökologische Kreisläufe.

Ich gehe auf Salz, das den Museumboden bedeckt. Damit verweist Saraceno auf Wassermangel und Lithiumabbau. Seine Arbeit „The Sanctuary of Water“, die gemeinsam mit indigenen Gemeinschaften des Red-Atacama-Netzwerks entstand, ist den bedrohten Wasserkreisläufen in Nordargentinien gewidmet. Die Ausstellung erzählt von den Widersprüchen einer globalen Energiewende, die neue Abhängigkeiten schafft. 

Saraceno fordert die menschliche Wahrnehmung heraus. 3500 Meter Fäden werden zu einem Klangkörper, den ich selbst zum Tönen bringen kann. Vor der Tür, die in Richtung Eisbach geöffnet ist, steht ein riesiges buntes Insektenhotel. Wenig später stehe ich vor filigranen Spinnennetzen. 

Die Projekte des Künstlers sind Kunstwerke und zugleich offene Versuchsanordnungen für ein anderes Zusammenleben. Bezaubernd und zugleich nachdenklich stimmend.

Salzburg Baselitz Jetzt

Fast liest sich diese Ausstellung wie ein Abschied. „Baselitz Jetzt“ im Museum der Moderne in Salzburg ist die letzte Schau die gemeinsam mit Georg Baselitz konzipiert wurde. Der 1938 in Deutschbaselitz geborene Künstler ist im Alter von 88 Jahren Ende April 2026 in Salzburg gestorben. In dem Museumbau am Mönchsberg versammeln sich nun großformatigen Gemälde seines letzten Schaffens-Jahrzehnts. Sie rücken ein Spätwerk ins Zentrum, das persönlicher, verletzlicher und körperlicher wirkt als viele frühere Selbstbehauptungen.

Die Figuren stehen wie gewohnt Kopf. Ich finde Spuren seiner Hände, Schichtungen, abstrakte Elemente, unterschiedlich dicke Pinselstriche. Aber woher kommen plötzlich diese Seidenstrümpfe? Die collagiert er zur Malerei und sie wirken wie eine zweite Haut: Die Nylons überziehen die Figuren mit Spuren von Körperlichkeit, Begehren, Alter und Verletzlichkeit und machen die Malerei zugleich materieller, brüchiger und irritierender. 

Es liegt nicht nur an dem riesigen Format (drei mal vier Meter), dass seine malerische Geste beeindruckend bleibt. Die Vielfalt, die es in seiner Malerei zu entdecken gibt, wenn auch altersbedingt schwächer, bleibt beeindruckend. Kritiken sprechen von Morbidität und von einer beinahe zarten Eindringlichkeit. Dass Baselitz dem Museum sein Werk „Weißes Bett“ schenkte, gibt der Schau zusätzlich den Anstrich eines letzten künstlerischen Statements.

Info

Alles zur Berlin Art Week bitte hier

Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten

  • bis zum 7. Februar 2027, Mi bis Mo 10 bis 20 Uhr (dienstags geschlossen)

Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München

BASELITZ JETZT

  •  bis zum 18. Oktober, Di bis So 10 bis 18 Uhr (donnerstags bis 20 Uhr, Dienstags geschlossen)

Mönchsberg 32, 5020 Salzburg (über die Treppe im Toscaninihof erreicht man das Museum in knapp 15 Minuten zu Fuß. Ansonsten können Sie mit dem Mönchsberg Aufzug fahren)

Lust auf mehr Kunst? 

Wir empfehlen die zum 61. Mal stattfindende Biennale samt Collateral-Events in Venedig. Sie läuft noch bis Ende November.

Zu weit? Einfach bis zum 4. Oktober zur Manifesta ins Ruhrgebiet fahren. Dort können Kunstfreunde in zwölf Kirchen an vier Orten sehr viel zeitgenössische Kunst von 107 Teilnehmenden entdecken. Neugierig? Bitte hier entlang

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