Kunst-Tipps im November

Dank Lichtblicken mit spannender Kunst ist der November für unsere Blogleser weniger grau. Es geht nach Berlin und Frankfurt, wo sehen, denken und erleben angekurbelt werden. Nochmal Lust auf Reisen? Wir empfehlen Istanbul. Oder Venedig, dort geht die 61. Biennale ins Finale.

written by Gastautorin Juliane Rohr 29. Oktober 2026

Berlin

Next Door – Hamburger Bahnhof

Was haben Tacita Dean, Thomas Demand, Olafur Eliasson, Henrik Håkansson und Tomás Saraceno gemeinsam? Sie alle hatten ihre Ateliers hinter dem Museum Hamburger Bahnhof. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber zwischen 2002 und 2013 waren dort Teile eines ehemaligen Industriekomplexes. Die maroden Gebäude erstreckten sich von der Heide- bis zur der Invalidenstraße.  

Da krabbelten im Keller Spinnen und inspirierten Saraceno. Es war zugig, erzählt Eliasson bei der Pressekonferenz. Nebenan bei Mitte Meer konnten sie köstliche Pizza kaufen und bei ihm im Ofen Aufbacken. Vor allem aber gab es bezahlbaren Platz für Experimente und Ideen. Das Museum interessierte sich nicht für sie. Noch nicht.

Sie arbeiteten mit Papiermodellen, Klang, Licht, Phänomenen aus Physik und Natur und den erwähnten Spinnen. Sie fotografierten, filmten, schufen ihre Kunst. Die Künstlerin und Künstler waren im ständigen Austausch, aber keine Künstlergemeinschaft. Sie verwarfen, scheiterten und gaben nicht auf. Der Erfolg kam auf unterschiedlichen Wegen. 

Jetzt, anlässlich des 30-jährigen Jubiläums vom Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart bringt die Ausstellung „Next Door“ ihre Arbeiten erneut an einem Ort zusammen.

Diese Schau in den hinteren Hallen des langgezogenen Gebäudes des Rieckhallen hat es in sich: Klar strukturiert, raumgreifend und in dieser volatilen Zeit herrlich entschleunigend. Thomas Demand entführt in das Atelier von Henri Matisse und den Ballroom des Weißen Hauses. Håkansson lässt Schmetterlinge flattern und Eliasson stellt die Wahrnehmung mit Licht, Spiegeln und Klang in Frage. Saraceno zeigt den Nachbau eines Spinnennetzes und zugleich ein fragiles, echtes. Tacita Dean trifft auf Bruce Nauman und hat daraus ein berührendes Kunstwerk geschaffen. Die Schau endet übrigens mit Naumans begehbarer Arbeit „Room With My Soul Left, Room That Does Not Care“. Großartig.

Christoph Schlingensief – Gropius Bau

„Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine“, so der Untertitel der Ausstellung zu Christoph Schlingensief im Gropius Bau. Der Regisseur und Künstler war Provokateur, Anarchist. Wollte aufrütteln, griff selbst zum Megafon oder zur Kettensäge. Und er holte Dinge unter dem Teppich hervor. Benannte sie. Er inszenierte Theater und Opern, die im Kopf blieben. Schlingensief gründete eine Partei und ging mit Arbeitslosen in den Wolfgangsee schwimmen. Wer erinnert sich?

So extrem er war und sich dabei auch gnadenloser Kritik aussetzte, so sehr behielt er immer seine Haltung und blieb vor allem irre charmant. Mit knapp 50 Jahren starb der gebürtige Oberhausener 2010 an Lungenkrebs. Zu früh. 

Während ich durch diese Ausstellung gehe, vor Videoarbeiten, Installationen oder Flugblättern und anderen Schlingensief-Relikten hängen bleibe, frage ich mich, was Schlingensief zu dem Schlamassel der Jetztzeit gesagt hätte. 

Denn, seine Themen sind immer noch relevant. Er kreist um Diskriminierung, Arbeitslosigkeit, Kolonialismus, Migration, den Rechtsruck und immer wieder geht es um Angst. Mit „The Church of Fear“, gezeigt 2003 auf der Biennale in Venedig, betrat er endgültig die Kunstbühne. Die Fragen, was macht Angst mit mir, wovor habe ich Angst, sind so brennend aktuell.

Der Künstler kam eigentlich aus dem Filmbusiness und war entsprechend bilderstark. Immer wieder finde ich Beuys’sche Anleihen. Direkte und indirekte Anspielungen. Schlingensief war geprägt vom freien Geist in der Kunst der 1980er Jahre. 

Sein einfaches wie eingängiges Konzept: Überforderung und Überlappung. Im filmischen Werk war es die Überblendung. Er überrascht bis heute. Hach, er fehlt.

Frankfurt

Städel Museum 

Für „Stillleben mit Gemüse“ positioniert das Berliner Künstlerduo „Elmgreen & Dragset im gesamten Städel Museumüberraschende Installationen und Skulpturen. Es geht kreuz und quer durch das Haus in Frankfurt. Hat was von einer Schatzsuche oder Schnitzeljagd. 

Bei den Alten Meistern findet sich ein vergessenes Baby vor der „Pietà“ von Franz von Stuck, ein Junge im blauen Sweatshirt malt konzentriert Tischbeins „Goethe in der Campagna“ ab. Auf dem Weg ins Untergeschoss ist ein Sternerestaurant namens „The Cloud“ aufgebaut. An einem der Tische sitzt eine junge Frau, vertieft in ein Facetime-Gespräch. In den Räumen für die zeitgenössische Kunst sitzt ein weißer Hund auf einem nicht stillstehenden Karussell. ER dreht sich dauerhaft im Kreis. Hinter ihm beschäftigt sich Daniel Richter mit einer „Horde“ bedrohlicher Gestalten.

Die Künstler spielen mit meiner Wahrnehmung und gleichzeitig verändern sie durch ihre Interventionen meinen Blick auf die großartige Sammlung des Städels.

Ganz anders, aber genauso sehenswert: die erste umfassende Ausstellung zu Maria Magdalena im deutschsprachigen Raum. Sie ist Sünderin, Heilige, Muse, feministische Identifikationsfigur: Die Schau „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love“ zeigt, wie sich ihr Bild über fast tausend Jahre gewandelt hat. Dabei wird viel über Frauenbilder, Sexualität, Moral, Macht und weibliche Selbstbestimmung erzählt. Mit Gemälden von El Greco über Tizian zu Lotte Laserstein und Marleen Dumas ist das eine große Empfehlung.

Istanbul

Semiha Berksoy – Istanbul Modern

Mit „Aria of All Colors“ würdigt das Istanbul Modern die türkische Opernsängerin und Malerin Semiha Berksoy (1910-2004). Zu sehen sind knapp Zeichnungen, Malereien sowie Videos.  Statt chronologisch zu erzählen, inszeniert die Schau ihr Werk in symbolischen Räumen. Etwa einem roten Zimmer mit ihren Gemälden, die sie zu Opernfiguren wie Tosca geschaffen hat. Die Bilder werden zur Verlängerung ihres eigenen Körpers und Lebens. 

Venedig

In Minor Keys & Collaterali der 61. Biennale

Im November ist die letzte Chance in diesem Jahr die 61. Venedig Biennale zu besuchen. Am 22. November ist endgültig Schluss in den Giardini und im Arsenale mit kontroverser, bezaubernder und berührender, in jedem Fall erhellender zeitgenössischer Kunst aus aller Welt. Die Lagunenstadt gehört jetzt fast den Einheimischen. Über den Kanälen hängt der Nebel, die Kirchen und Häuser spiegeln sich bei Aqua Alta im Wasser. Wir empfehlen den Markusplatz nachts um 23 Uhr zu besuchen. Ein Erlebnis. Genauso wie die Collaterali. Das sind Ausstellungen in traumschönen Palazzi, erhabenen Kirchen, herrlichen Museen und besonderen Orten. Während ich das schreibe, habe Sehnsucht nach der Serenissima. 

Hier der link zur 61. Biennale „In Minor Keys“ und zu den sehr lohnenden Collaterali. Gute Reise!

Infos

Next Door. Tacita Dean, Thomas Demand, Olafur Eliasson, Henrik Håkansson und Tomás Saraceno

  • bis auf Weiteres Mo bis Fr 10 bis 18 Uhr, Do 20 Uhr, Sa und So 11 bis 18 Uhr (montags geschlossen)

Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, Invalidenstraße 50, 10557 Berlin

Christoph Schlingensief: Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine

  • bis zum 17. Januar, Mo bis Fr 12 bis 19 Uhr, Sa und So 10 bis 19 Uhr (dienstags geschlossen)

Gropius Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin 

Elmgreen & Dragset / Maria Magdalena

– beide Ausstellungen laufen bis zum 17. Januar, Di – So 10 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr (montags geschlossen) 

Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt

Semiah Berksoy. Aria of all Colors

  • bis zum 22. November, Di bis So 10 bis 18, Fr bis 20 Uhr (montags geschlossen)

Kılıç Ali Paşa Mahallesi, Tophane İskele Caddesi No:1/1, 34433 Beyoğlu/İstanbul, Türkei

Venedig – alles zur 61. Biennale In Minor Keys und den Collaterali ist oben im Text verlinkt.

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