Venedig
In Minor Keys
Jetzt ist die vielleicht schönste Zeit für die Serenissima und die Venedig Biennale. Das Licht ist weich und golden, die Gassen, Vaporetti und die Orte der Kunstbiennale sind spürbar leerer. Die Kunst in den Giardini und im Arsenale ist ohne Gedränge und lange Schlangen vor den Pavillons erlebbar. Die 61. Biennale „In Minor Keys“ schließt Ende November ihre Türen. Sie nähert sich dem großen Finale und der turbulente, politisch aufgeladene Auftakt scheint vergessen.
Abends gehört der Aperitivo in einer der Bacaro-Gassen an den kleinen Kanälen in Dorsoduro dazu. Entschleunigung garantiert. Wer noch zögert – hier finden sich alle Tipps.
Die Collaterali
Keine Lust auf diese politisch aufgeladene Ausgabe der Biennale, aber ein bisschen Kunst sollte doch sein? Dann empfehlen wir den Besuch der Collaterali, die in diesem Jahr ein besonders gelungenes Gegengewicht zur Biennale bilden. Geschichtsträchtige Palazzi, wunderbare Kirchen und andere besondere Orte werden grandios mit zeitgenössischer Kunst bespielt. Wir haben für Sie unsere Tipps von der AMA-Fondation über die Fondazione Prada bis zur Punta della Dogana zusammengestellt. Achtung, ein paar Schauen sind nicht mehr geöffnet. Die Informationen dazu stehen im Blogbeitrag.
Alles zu den sehenswerten Ausstellungen findet sich hier im Blog.
Istanbul
Tersane – ein neues Stadtviertel
Von Venedig ist der gedankliche Weg nach Istanbul nicht weit. Hier wie dort atmet jede Ecke Geschichte. In Istanbul trifft Europa auf Asien, das macht es noch aufregender und vielfältig. Beide Städte verdankten ihre Macht der See und ihren Werften. Im osmanischen Reich gründete Sultan Mehmed II. am Goldenen Horn kurz nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1455 eine staatliche Werft. In Tersane entstand eine glorreiche Flotte, mit der das osmanische Reich im Mittelmeer schlagkräftig war. Tempi passati. Doch in den Docks wurde noch im 20. Jahrhundert an Schiffen gewerkelt. Das Gelände war auch militärische Sperrzone und für die Öffentlichkeit unzugänglich.
Seit 2019 entsteht hier, am Sweetspot des Goldenen Horns, das neue Stadtgebiet Tersane mit wahnsinnig chicen Hotels und alles-was-das-Herz-begehrt-Shops, köstlichen Restaurants, coolen Wohn- und Bürogebäuden. Altes, wie ein geschichtsträchtiges Jagdschloss und diverse Werftsgemäuer werden behutsam mit neuen Architekturen verwoben. Das ist die urban memory (städtische Erinnerung) auf den Punkt gebracht. Ich war gerade zur 21. Ausgabe der Messe Istanbul Contemporary da, die ich sehr empfehlen kann. Dabei habe ich sehr komfortabel in Tersane im Hotel Aliée gewohnt. Ein herrlich luxuriöser Ort, der noch dazu über eine wunderbare Kunstsammlung verfügt. Frühstück gibt es direkt am Wasser mit Blick auf eine der großen, bronzenen Bauernfiguren „Paw“ von Gregor Hildebrandt. Das Viertel liegt mitten in der Stadt und ist trotzdem sehr ruhig. Das glitzernde Wasser bezaubert. Die Silhouette des gegenüberliegenden historischen Stadtteils Fener ist Tag und Nacht atemberaubend: große Moscheen und die Georgskathedrale, die bis heute das Zentrum der griechisch-orthodoxen Kirche ist, erinnern an die bewegte 2700-jährige Geschichte der Stadt.
Istanbul Contemporary
Das Istanbul Modern, seit 2004 das erste Museum für zeitgenössische Kunst der Türkei, eröffnete 2023 in einem Neubau von Renzo Piano am Standort eines ehemaligen Zollspeichers direkt am Bosporus in Karaköy. Derzeit ist dort „Aria of All Colors“ zu sehen. Die Schau würdigt die türkische Opernsängerin und Malerin Semiha Berksoy (1910-2004) mit über 200 Werken ihrer Malerei und Zeichnungen, die ihre Biografie mit Theater, Oper, Film und Literatur verknüpfen. Statt chronologisch zu erzählen, inszeniert die Schau ihr Werk in symbolischen Räumen. Etwa einem roten Zimmer mit ihren Gemälden, die sie zu Opernfiguren wie Tosca geschaffen hat. Die Bilder werden quasi zur Verlängerungen ihres eigenen Körpers und Lebens. Die Retrospektive bezieht sich auf „Singing in Full Color“, die vor gut einem Jahr im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart lief. Berlin war die Stadt, in der Berksoy 1936 Musik studiert hatte und mit der sie ein Leben lang verbunden blieb.
Und so komme ich zu
Berlin
Maurizio Cattelan. NIGHT
Bumm, Bumm – blechern klingen die stoischen Schläge des kleinen Trommlers, der auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie sitzt. Die Skulptur „Never“ erinnert an Oskar Matzerath aus Günther Grass Jahrhundertroman „Blechtrommel“ und lässt sich als Mahnung gegen den Faschismus lesen. Neben dem Jungen hat Maurizio Cattelan Tauben platziert. Er nennt sie „People„. Sie gastieren ebenfalls im Innern des Mies-van-der-Rohe-Baus auf den Dachverstrebungen. Insgesamt 4000 irgendwas.
Cattelan ist ein italienischer Konzeptkünstler, die Idee ist die Kunst. Und: er liebt es mit einfachen Mitteln zu provozieren. Im New Yorker Guggenheim hat er mal ein benutzbares, goldenes Klo installiert. Als er seine erste Soloschau in einer Mailänder Galerie bekam, schloss er einfach die Tür ab und hängte ein Schild auf, dass er gleich wiederkommen werde. Klar, Sie ahnen es, die Tür blieb die gesamte Ausstellungsdauer zu. Papst Johannes Paul II wurde bei ihm vom Meteoriten getroffen. Bäm – das Werk „La Nona Ora“ war ein Aufreger für katholisches Publikum. Es wurde sogar versucht, den Stein zu beseitigen und den Papst aufzurichten. Zur Art Basel in Miami Beach 2019 stellte Cattelan mit seinem Werk „Comedian“, einer simplen, echten, an eine Wand getapten Banane, den gesamten Kunstbetrieb in Frage.
Nun also „NIGHT“ in Berlin. Zunächst muss ich durch einen verkleinerten Nachbau des Brandenburger Tors in den Ausstellungsraum treten. „Purgatory“, heißt das Werk, welches der Superkünstler extra für die Schau geschaffen hat. Danach erschöpft sich dann der im Vorfeld angepriesene Ortsbezug. Ältere, bekannte Werke Cattelans, dominieren den leeren Raum. Mit viel Wohlwollen lässt sich der Bezug auf deutsche Geschichte herstellen. Klar ist auch das von der Decke hängende ausgestopfte Pferd „Novecento„ zu Gaste. Etwas suchen muss ich nach „Dust“. Einem feuerroten Feuerlöscher, der als vermeintliches Behältnis für die Asche eines verstorbenen Freundes dient.
Alles ist so seltsam hohl. Alles wirkt verloren in dem ikonischen Bau und hält der Architektur nicht Stand.
Selbst die direkteste historische Anspielung, die Figur des betenden Hitlers in „Him“ von 2001, bleibt plakativ-provokant, ist inhaltlich wenig substanziell. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Deutschland und seiner Geschichte ist „NIGHT“ nicht. Schade. Vielleicht ist diese gähnende Langeweile die eigentliche Provokation? Und der Meister lacht sich in irgendeinem Restaurant sitzend ins Fäustchen über das Tamtam und Bumbum um seine Person.
Dazu gesellt sich eine blöde Vorgeschichte: Die Entscheidung, den Preis der Nationalgalerie künftig nicht mehr an Nachwuchskünstler:innen, sondern an etablierte Größen zu vergeben. Es hagelte Kritik. Davon war bei der Eröffnung zur Berlin Art Week war von dieser Empörung nichts mehr zu spüren. Cattelan war allgegenwärtig – und wird gelobt. Überall erschienen Interviews, dabei gibt er eigentlich keine… aber, es gibt ja mails. Bleibt die Frage, ob er die alle selbst beantwortet hat?
Nun denn. Am besten man macht sich ein eigenes Bild. Bis März ist dazu reichlich Gelegenheit.
München
Tomás Saraceno. Verwobene Welten
Der argentinische Installationskünstler verwandelt das Erdgeschoss im Haus der Kunst in einen Ort, in dem alles miteinander in Beziehung steht: Luft, Wasser, Spinnen, Menschen, Landschaften und politische Konflikte. In „Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten“ sind Kunstwerke zugleich offene Versuchsanordnungen für ein anderes Zusammenleben. Bezaubernd und zugleich nachdenklich stimmend.
Fasziniert bleibe ich in vor einem raumfüllenden Wasserbecken mit unendlichen Spiegelungen sitzen. Ich gehe auf knirschendem Salz, das den Museumboden bedeckt, spazieren. Saraceno spielt gerne mit unserer menschlichen Wahrnehmung: 3500 Meter Fäden werden zu einem kunstvollen Klangkörper, den ich selbst zum Tönen bringen kann. Vor der Tür, die in Richtung Eisbach geöffnet ist, steht ein riesiges, buntes Insektenhotel. Zurück im Museum stehe ich im dunklen vor verführerisch leuchtenden, filigranen Spinnennetzen. Eine wirklich großartige Schau.
Info
Venedig – alles zur 61. Biennale und den Collaterali ist oben im Text verlinkt.
Semiah Berksoy. Aria of all Colors
- bis zum 22. November, Di bis So 10 bis 18, Fr bis 20 Uhr (montags geschlossen)
Kılıç Ali Paşa Mahallesi, Tophane İskele Caddesi No:1/1, 34433 Beyoğlu/İstanbul, Türkei
Maurizio Cattelan. NIGHT
- bis zum 7. März 2027, Di bis So 10 – 18 Uhr, Do bis 20 Uhr, (montags geschlossen)
Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin
Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten
- bis zum 7. Februar 2027, Mi bis Mo 10 bis 20 Uhr (dienstags geschlossen)
Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München