Den Kunstsommer verlängern – in der Uckermark, Biesenthal & Berlin

Sommer reloaded 

Eine kleine Alltags-Auszeit am Wochenende beim 6. Uckermark-Festival nehmen, Kunst in Biesenthal an einer Wehrmühle sehen oder nachts durch Ateliers in Berlin schlendern.

written by Gastautorin Juliane Rohr 31. August 2018

Besonders schöne Kunstorte

  • Das 6. UM-Festival lockt mit Kunst, Musik und Literatur in die Uckermark
  • Die art Biesenthal zeigt Kunst in und an einer Wehrmühle
  • Die Gerichtshöfe in Berlin laden zur Langen Nacht in ihre Ateliers
  •  Save the date für die enter.art

Thron von Lina Gazzaz

Sommergefühl beim Uckermark-Festival

Nein, ich will hier nicht an einen endlosen Sommer erinnern. Zumal es – während ich das hier schreibe – nach Wochen endlich regnet. Außerdem verursacht mir dieser überstrapazierte Hashtag (#endlesssummer) doch mehr Bauchgrimmen als Freude – angesichts schlechter Ernten, zunehmender Waldbrände, vertrocknetem Boden und der immer dringlicher werdenden Frage nach dem Klimawandel. Monate ohne Regen, in denen ich mit wachsend schlechtem Gewissen den Garten gewässert habe. Dennoch: den Sommer über die Ferien hinaus zu verlängern ist einfach herrlich. Und am kommenden Wochenende tauche ich vor den Toren Berlins noch einmal in mein liebstes Sommerreisegefühl ein und genieße Kunst in bezaubernder Landschaft.

Sommerverlängerung in Fergitz

Mit dem Rad unterwegs

Zwei Tage lang geht es ab in die Uckermark. In Fergitz, Gerswalde und Pinnow stehen beim UM-Festival Kunst, Literatur und Musik auf dem Programm. Alle zwei Jahre gibt es in privaten Häusern, Höfen und Gärten, am Oberuckersee, in Scheunen, Bushaltestellen-Häuschen und anderen unerwarteten Orten jede Menge zu entdecken. Mein Highlight ist die Radtour zur Kunst, die vom jeweiligen Ausstellungs-Kurator geführt wird. Dieses Jahr ist es Heinz Stahlhut, der am Kunstmuseum in Luzern arbeitet.

Kunst im Feuerwehrhaus

Installation in der Roten Scheune

Sicher auch einer der Gründe, warum dieses Mal insgesamt sechs der zwölf Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz sind. Im April reisten allesamt an, um das Gelände zu inspizieren und sich zu überlegen, wo sie welches Kunstwerk präsentieren wollen. Bei meinem Besuch am Donnerstag konnte ich bereits die Installation von Flurina Badel und Jeremie Sarbach in der Roten Scheune anschauen. Die beiden haben aus Ton geformte Kugeln so fotografiert, dass sie wie eine Ackerfurche wirken. Das Bild wurde dann auf Stoffbahnen gedruckt und auf dem Scheunenboden miteinander verwebt. Es ist verwirrend, da die Furchen jetzt nicht nur längs sondern auch quer laufen. Im halbdunkel des Raumes entsteht ein perfekt geometrisches Muster. Ein Hinweis auf die Monokultur im Ackerbau, die die Landschaft in der Uckermark zunehmend verändert.

Rote Scheune, Installation von Flurina Badel & Jeremie Sarbach

Die Landschaft gibt den Ton an

Ich bin sehr gespannt auf die anderen Arbeiten, die erst am Wochenende fertig aufgebaut sind:  Zum Beispiel von dem Berliner Olaf Holzapfel, der einen Film zeigt. Oder von Bricklab, hinter denen die Brüder Abdulrahman und Turki Gazzaz stecken. Sie bespielen in diesem Jahr den saudiarabischen Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig. Auf einem Pfad hinter der Pinnower Kirche werden Fotografien von Eva-Fiore Kovacovky gezeigt. Und Lina Gazzaz installiert einen roten Teppich mitsamt Thron am See. Passend zur Landschaft soll die Kunst sein, sich mit Geologie, Ökologie, Politik und Geschichte der Umgebung beschäftigen. Daher wird auch erstmals mit der Hochschule Eberswalde kooperiert. Das Ziel ist es Wissenschaft und Kunst so miteinander zu vernetzen, dass sie sich als gegenseitige Plattform nutzen können.

Installation von Bricklab

Wunderbare Bilder für den Kopf

Klingt kompliziert, ist aber verständlich, wenn man durch diese herrlich leere und poetische Landschaft streift. Der Einfluss des Festivals auf das Biosphärenreservat ist für die Hochschule interessant und wird nun mit dem 6. Festival wissenschaftlich hinterfragt. Die Kunst fügt sich perfekt in die uckermärkische Landschaft ein, so dass ein wunderbares Gemälde im Kopf zurückbleibt. Ich frage mich, ob die Künstler nicht doch Angst haben in der Schönheit dieser hügeligen Landschaft unterzugehen? Aber wahrscheinlich passiert das nicht, weil sie sich mit ihren Arbeiten so auf diese Umgebung einlassen. Eine spannende Mischung.

Warme Hütte Installation von Folke Köbberling

Heimat in der Literatur

Bei den Schriftstellern ist das alles beherrschende Thema die Heimat. Was ist Heimat?  Ist es der Ort, an dem man als Kind gelebt hat, an dem man sich besonders wohl fühlt oder an dem man aktuell lebt? Wieso bleiben Menschen ein Leben lang in der Heimat – sollten sie nicht besser in die weite Welt ziehen? Fragen die bei den Lesungen von Wlada Kolosowa, Axel Ranisch oder Manja Präkels beantwortet werden könnten.

Galerie zum Löwen – Ausstellung der Festival-Edition

Musik zum Entspannen

In Gerswalde wird gegen Abend Musik das Gelände rund um die Wasserburg und den großen Garten füllen. Da mischt sich die ortsansässige Bläsertruppe Blech Potzlow mit japanischer Musik von Mimicof, DJ-Sets von Sonae oder Thomas Fehlmann. Und klar, Essen und Trinken gibt es auch. Noch immer keine Idee für dieses Sommerferien reloaded-Gefühl? Jetzt am Wochenende: Ab in die Uckermark.

Musik in der Wasserburg in Gerswalde

 

Die Wehrmühle und die Art Biesenthal

Ein weiterer Kunstort ist nach vier Jahren Pause wieder zurück. Die Wehrmühle an der Finow in Biesenthal. Das Haus kommt wie eine Filmkulisse daher. Außen mit einer prächtigen Stuckfassade wirkt es in seiner Umgebung wie aus der Zeit gefallen – dahinter steckt ein modernes puristisches Wohnhaus. Mit bodentiefen Fenstern, die den Blick auf den parkähnlichen, aber naturnahen Garten freigeben.

Skulptur von Christine Liebich

Überall ist Kunst zu entdecken

30 Künstler bevölkern nun das großzügig vom Keller bis zum Dach freigeräumte Wohnhaus von Michael und Ayla Hecken. Installationen von Michael Sailsdorfer finden sich auf der Ziegenkoppel. Salzsteine in Tropfen- oder Tränenform – niedlich die neugierigen Ziegen, die tatsächlich ab und an dran schlecken.

Am Bach ist ein Werk von Malte Bartsch namens  „EC,2018“  installiert. Wer ahnt, was es sein könnte? Verstreut in den Wiesen und Waldstücken am Haus findet sich Kunst, Kunst, Kunst. Fast tappe ich auf einen Maulwurfhügel, daneben noch zwei – sie sind aus Beton, von wem die wohl sind?

Malerei und Fotos vom Feinsten

Alles nachzulesen auf einem Faltblatt das  am Eingang des Hauses ausliegt. Fotografien von Nan Goldin finden sich im Gästeschlafzimmer. Sara Illenbergers Mikrofonlampe trifft am Kamin auf „Zweifang“ von Jonas Burgert, Julian Rosefeldt bespielt mit seinem Video „Meine Kunst kriegt hier zu fressen“ einen Raum im Keller. In der Scheune nebenan gibt es Kuchen und Getränke – gemütlich sitzen wir auf den Möbeln, die sonst im Haus der Heckens stehen. Lohnt sich sehr.

 

Lange Nacht der Gerichtshöfe im Wedding

Wer am Wochenende lieber in Berlin nach Kunst sucht, dem sei dieser besondere Ort ans Herz gelegt: die Gerichtshöfe im Wedding. Dort öffnen 25 Künstler ihre Ateliers. Immer wieder gibt es Gerüchte, dass die 70 dort ansässigen Künstlerinnen und Künstler ausziehen müssen. Auch jetzt ist nicht klar, wie lange sie noch bleiben können. In dem Gebäude aus den 20er Jahren kann man am Wochenende treppauf,  treppab durch die Ateliers, in den Werkstätten und Höfen auf Entdeckungsreise gehen – entweder auf eigene Faust oder aber mit geführten Touren. Malerei, Zeichnungen, Skulpturen, Schmuckdesign und Keramik sind ausgestellt und machen die Lust auf immer mehr Kunst. Ganz wunderbar.

Save the date für die enter.Art

Zwei Wochen später findet in den Gerichtshöfen übrigens die enter. Art statt. Dort stellen 42 Künstler unter der Schirmherrschaft der EAF (enter.art.foundation) aus. Nachdem sie letztes Jahr in der Kanngarage waren, sind sie dieses Mal in den Gerichtshöfen. Dort wird in verschiedenen Räumen Kunst gezeigt zum Beispiel Reliefarbeiten und Scherenschnitte von Jakob Röpke. Die Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Künstlern eine internationale Plattform zu bieten. Sie zeigen ihre Werke unter anderem in Städten, wie Stockholm, Basel oder eben Berlin.

Infos

UM-Festival

Achtung nur am 1. und 2. September 2018

Den ganzen Tag an verschiedenen Orten: Fergitz, Gerswalde und Pinnow das genaue Programm gibt es hier

Als Startpunkt eignet sich Gut Fergitz

  • Fergitz 1 in 17268 Fergitz, Brandenburg

Erstmals kann man dieses Jahr eine edition zum UM-Festival erwerben. Mit dem Kauf unterstützt man die Veranstaltung und den jeweiligen Künstler. Beim „Zum Löwen“ in Gerswalde sind die Kunstwerke ausgestellt.

Zusätzlich gibt es von office.impart am Samstag um 11 Uhr eine Führung

Auch toll ist die Ornithologische Wanderung mit Herrn Eilmes

(Anmeldung unte kurt.eilmes@naturwacht.de, thomasvolpers@hotmail.com

 

art Biesenthal

Mittwoch bis Sonntag 13 bis 19 Uhr

noch bis 29. September 2018

Wehrmühle

Wehrmühlenweg 8,

16359 Biesenthal

 

Lange Nacht der Gerichtshöfe

Achtung nur am 1. September 2018 von 16 bis 24 Uhr und 2. September 2018 von 13 bis 18 Uhr

Die Atelier-Führungen starten am Infostand im mittleren Hof.

Gerichtsstr.12/13 oder Zugang Wiesenstr.62

13347 Berlin

In den Gerichtshöfen findet auch die enter.art statt

Vom 15. September bis 30. September

Save the date: am 15. September um 15 Uhr ist die Eröffnungs-Vernissage

 

Wer noch nicht auf der Berlin Biennale war, hat dazu noch bis zum 9. September 2018 die Chance.

Mehr dazu hier :

Von Apfelbäumen am Kulturforum, Grashalmen und fliegenden Fischen im Museum 

 

Über Juliane Rohr:

Nach Werbeakademie und Politikstudium in München hat sie ihre journalistische Ausbildung bei verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen (Münchner Merkur, Die Zeit) absolviert. Dann als Redakteurin bei Münchner Merkur und Gala geschrieben. Seit der Geburt ihrer beiden Söhne hat sie als freie Journalistin auch für Zeitschriften wie Shape und Hörzu oder Unternehmen wie Swarowski und die Literaturinitiative Berlin gearbeitet. Im Moment schreibt die 50jährige an ihrem ersten Buch. Sie ist seit Jahrzehnten in der Kunstszene unterwegs und teilt ihr Wissen gerne mit Freunden und Blogbesuchern. Bei Instagram jr.artynotes folgen.

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2 comments

Susanne Nunn 31. August 2018 - 11:06

Danke an Juliane Rohr für die tollen Tipps!
Werde mich umgehend von München Richtung Berlin auf den Weg machen!

Reply
Sophie Bader 31. August 2018 - 12:29

Awesome

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