Die Collateral Events der 59. Venedig Biennale

Unsere Highlights jenseits der 59. Biennale

written by Natali und Juliane 9. Juni 2022

Was ist das Schönste an der Kunst Biennale von Venedig?

Wenn man Natali fragt, sind es die

COLLATERAL EVENTS.

Sie würde auch einen Besuch nur zum Besuch der Collateral Events der Biennale einplanen, denn das Begleitprogramm der 59. Biennale di Venezia ist allein eine Reise wert.

Wer sich auf die Kollaterale-Kunst-Tour begibt, entdeckt immer wieder neue Ecken in Venedig. Es ist einfach zu schön auf Palazzi. Kirchen und Hallen zu stoßen, die sich abseits der Touristenpfade befinden. Oder durch berühmte Bauwerke schlendern zu müssen, bevor endlich die moderne Kunst zu sehen ist. Dieses Mal mussten wir auf der Suche nach Anselm Kiefer den Dogenpalast am Markusplatz durchqueren. Da waren wir beide ewige Zeiten nicht… dazu später mehr.

Wer zu Anselm Kiefer geht, bekommt das Ticket für Heinz Mack in der Bibliothek des Museo Correr gleich mitgeliefert. Auch dieser Klassiker lohnt in diesem Ambiente.

Collateral Events Kunst-Biennale Venedig

Die 30 offiziellen Collateral Events sind in ganz Venedig verteilt. Im „My Art Guide Venice“ werden sie knapp beschrieben. Das pinke Büchlein liegt an manchen der Kunstorte und in Museen aus – wohl dem der eines ergattert. Ansonsten können wir die dazugehörige App empfehlen, die sehr benutzerfreundlich ist. Oder einfach auf der Biennale Webseite bei den Eventi Collaterali nachschauen. Dazu gibt es noch jede Menge fantastische Ausstellungen von denen auch einige auf unserer Kollateral-Kunst-Liste gelandet sind.

Wer nicht nur die 80 nationalen Pavillons und die riesige Hauptausstellung in den Arsenale und Giardini sehen möchte, sondern auch die Collaterali & Co. besuchen will, sollte mehrere Tage in Venedig einplanen. Oder einfach mehrmals hin reisen, denn die große Kunstshow läuft bis Ende November.

Die Biennale, viel Kunst und Venedig sind Inspiration pur.

Wie geht Kunst unbeschwert?

Über unserem Besuch in der ach so hinreißenden Serenissima schwebt mehr denn je die Frage: Wie geht das, Kunst in dieser Lage? Die Antwort ist einfach: So fragil die Welt auch immer sein mag,

„Kunst ist die höchste Form der Hoffnung.“

So bringt es Gerhard Richter, auf den Punkt, als er in einem Interview zu seiner Rolle als Maler in unserer Gesellschaft befragt wurde. Dieser Satz ist zeitlos und gilt mehr denn je.

Die 59. Ausgabe der Kunstbiennale ist die der starken Frauen und non-binären Menschen. Alles dazu findet sich in unserem Artikel

Venedig Biennale unsere Top 10

Die Kollaterle hingegen werden vor allem von Künstlern bespielt. Es gibt ein paar Ausnahmen wie Marlene Dumas im Palazzo Grassi, Katharina Grosse im Espace Louis Vuitton oder Claire Tabouret im Palazzo Cavanis.

Seltsam, irgendwie. Aber eigentlich sollte es egal sein sollte, von wem die Kunst stammt, die wir betrachten…

Katharine Grosse überrascht mit einer glitzernder Arbeit für Apollo, Apollo im Espace von Louis Vuitton

Hier unsere Tipps für das Begleitprogramm der Biennale

Los geht’s ohne diese Stereotypen im Kopf. Der Besuch der Biennale mit der Hauptausstellung in den Gardini und Arsenale ist perfekt, um sie mit den Kollaterale zu kombinieren. Jeweils einen dreiviertel Tag Giardini & Arsenale einplanen und sich

ab dem frühen Nachmittag durch Venedig treiben lassen

auf dem Weg zu den Collateral Events und sonstigen Ausstellungen. Diese sind in ganz Venedig verteilt, oft in Palazzi zu denen man sonst keinen Zutritt hätte.

Wunderbar, so sehenswert und vieles sogar kostenlos. Das Ticket für die Biennale-Besuche im Giardini und Arsenal kann man problemlos auf zwei Tage aufteilen.

Collateral Events  – unsere Favoriten

Hier ein schneller, erster Überblick

  • Anish Kapoor
  • Anselm Kiefer
  • Chun Kwang Young
  • Danh Vo /Isamuh Noguchi/Park Seo-Bo
  • Louise Nevelson
  • Mary Weatherford und Georg Baselitz
  • Uncombed, Unforeseen, Unconstrained
  • Surrealismus & Magie in der Guggenheim Collection
  • This is Ukraine!

Venedig Sammelsurium – nach der Biennale ist vor der Biennale

Anish Kapoor

Gleich an zwei Orten schwelgen wir in dem Werk des britisch-indischen Bildhauers Anish Kapoor: in der Gallerie dell’Accademia und im Palazzo Manfrin, wo seit neuestem auch seine Foundation zu finden ist. Noch entfaltet der Palast seinen Zauber völlig unrenoviert.

Die runden riesigen Spiegel stellen unsere Welt auf den Kopf.

Verzerren die Betrachter ins Groteske, locken zum 19080en Spiegelselfie. Aus Farbpigmenten baut er filigrane Skulpturen. Blutrote Malereien und riesige Wachskulpturen, wirbelnde Wasserbecken und tiefschwarze Objekte sind ein Kontrastprogramm, das seinesgleichen sucht.

Im Palazzo Manfrin wölbt sich schon am Eingang eine Vulkanlandschaft aus Silikon über den Köpfen der Besucher. Was die wohl wiegen mag? In der Akademiegalerie frage ich mich bei seinen neuen Bildern, ob das, was ich sehe nun Lavaströme sind oder überdimensionierte Vulven? Wachs wird an die Wand katapultiert, das es nach einem Schlachtfeld aussieht – so jedenfalls in dieser Zeit die Assoziationen.

Wieder und wieder stehe ich vor schwarzen, endlos tiefen Löchern, die keine sind. Kapoor hat das dunkelste Schwarz kreiert, was es gibt. Er ist ein Meister der Illusion und Übertreibung mit einem Faible für rot und schwarz – und in Venedig ein absolutes Must-do!

Anselm Kiefer im Palazzo Ducale

Venezianisches Wunderwerk

Der Dogenpalast, unzählige Male läuft man in Venedig an ihm vorbei, wenn man auf Kunst-Tour ist. Dieses Mal mussten wir rein und es hat sich sehr gelohnt. Das Gebäude gilt als Meisterwerk der Gotik und venezianischer Baukunst. Er war ab dem 9. Jahrhundert der Sitz des Dogen, der Regierungsverantwortung- und Justizorgane.  Das Dogenkartell war das Machtzentrum der Seerepublik Venedig und ist ein Traum in punkto Ausstattung. Gemälde von Künstlern wie Jacopo Tintoretto, Tizian oder Bellini finden sich in den Prunkräumen ganz beiläufig.

Zudem haben wir die Seufzerbrücke überquert, das haben wir zuletzt als jugendliche Touristen gemacht. Beklemmend eng auch die Gefängnisse und erstaunlich, wie nah hier Elend an Macht und sagenhaften Reichtum herankam.

Im Herzen Venedigs – im Ratsaal, dem Sala del Maggior Consiglio.

Moderne Auftragsarbeit

Überwältigend auch die Arbeiten von Anselm Kiefer im gut 800 Quadratmeter großen Sala dello Scrutinio, die er extra für diesen Raum geschaffen hat. „Diese Schriften werden, wenn sie verbrannt werden, endlich Licht spenden“ ist der Titel der Bildinstallation, bezieht sich auf den italienischen Philosophen Andrea Emo. Erstmals bespielt ein zeitgenössischer Künstler das historische Gebäude im Herzen Venedigs. Seine Werke hat er über die verhüllten Gemälde Jacopo Tinorettos anbringen lassen – Kiefer all over! Seine monumentalen Arbeiten fügen sich unglaublich gut in den Raum, korrespondieren mit der güldenen Kassettendecke und dem Terracotta-Boden.

Interessanterweise lässt Kiefer den Machtzentrum Dogenpalast in Flammen aufgehen. Was wohl mit seinen Bildern passiert am Ende der Schau? Es wird gemunkelt, dass sie eben dieses Schicksal ereilen soll. Na mal abwarten.

Der 77-jährige reflektiert die Lage Venedigs zwischen Ost und West, Nord und Süd, schichtet Geschichte der Stadt. Sonnenblumen, Särge, Leitern, Kleidung – alles in Blei gegossen. Den Mystizismus des Künstlers muss man nicht mögen, dennoch lohnt es sehr in das Werk (und den Dogenpalast) einzutauchen.

Chun Kwang Young: Times Reimagined

Natali´s absolutes Biennale Highlight!

Ich, Natali, bin noch immer von diesem Kunst-Erlebnis „beseelt“. Das der Palazzo Contarini Polignac wunderschön ist, dass wusste ich schon vom letzen Biennale Besuch 2019. Damals hatte Günther Förg dort ausgestellt. Ich wusste beim Betreten also bereits, mich erwarten tolle Räume.  Den darin ausgestellten koreanischen Künstler Chun Kwang Young, dessen Namen ich seither übe, kannte ich bisher nicht. Vergessen werde ich ihn nicht mehr, denn seine Kunst hat mich eingenommen und sehr begeistert.

40 großformatige Arbeiten

Chun Kwang Young arbeitet mit Papier, aber nicht irgendeinem Papier, sondern mit Maulbeerpapier. Er schafft daraus dreidimensionale Installationen und Reliefs, die scheinbar schwer und ernst im Raum stehen und gleichzeitig ganz leicht wirken und pure Ästhetik verkörpern.

Die Oberflächen seiner Kunst bestehen aus Strukturen, die an ferne Planeten erinnern. Er schafft dies, indem er hunderte von handgeschnittenen Styropor-Dreiecken in beschriftetes, koreanisches Seidenpapier, dem sogenannten »mulberry paper«, einwickelt. Diese werden dann zu dreiminesionalen Bildern oder Installationen.  Die raumgreifende Installation die gleich gegenüber der Treppe im 1. Stock ist, nimmt jeden Besucher gefangen und arbeitet dazu mit Sound, in diesem Fall mit dem eigenen Herzschlag der Betrachter:innen. Was für ein Erlebnis.

Young der Papiersammler

Das verwendete Seidenpapier hat Chun Kwang Young aus alten Büchern und Magazinen. Alle Schriftzeichen und Farben bleiben sichtbar, es entstehen Farbwelten und Oberflächenstrukturen, in denen ich mich endlos verlieren könnte. Eine interessante Dokumentation zur Ausstellung kann man im zweiten Stock des Palazzos sehen. Denn  natürlich geht es Young nicht nur um Ästhetik.

Information des Lebens

Chun Kwang Young  beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Themen der Vernetzung und den sozioökologischen Werten von Beziehungen. Obwohl seine Arbeiten abstrakt sind, verkörpern sie diese Ideen durch Form und Medium. Er sagt:

Für mich sind die in Maulbeerpapier eingewickelten Dreiecksstücke die Grundeinheiten der Information, die Grundzellen des Lebens, die nur in der Kunst existieren, sowie unabhängig voneinander aussagekräftige soziale Ereignisse oder historische Fakten … auf meinem langen künstlerischen Weg, wollte ich die Probleme des modernen Menschen zum Ausdruck bringen, der durch Materialismus, endlosen Wettbewerb, Konflikte und Zerstörung zu einem zerstörten Leben getrieben wird.

Das Hanji House im Garten des Palazzo

Chuns Kunst wird zusammen mit dem Hanji House präsentiert. Es steht im Garten des Palazzos und ist vom Canal Grande aus gut sichtbar präsentiert. Dieser ortsspezifische Auftragspavillon stammt vom italienischen Architekten und Stadtplaner Stefano Boeri und wird mit einem Video bespielt. Beides sehr, sehr sehenswert!

Danh Vo & Isamu Noguchi & Park Seo-Bo

Was für ein Ort!

Wieder so ein Museum, was völlig neu um die Ecke kommt, dabei ist die Fondazione Querini Stampalia schon seit 1868 der Öffentlichkeit zugänglich. Carlo Scarpa hat den Palazzo 1948 renoviert. Scarpa hat in seinem architektonischen Werk Neues geschickt mit alter, historischer Bausubstanz verbunden. Von ihm stammt auch der Garten mit Wasser in dem Hauptausstellungsgebäude der Giardini und die Verkaufsräume der Schreibmaschinenfirma Negozio Olivetti am Markusplatz. Hier gibt es eine kleine, herrliche Anthony Gromley/Lucio Fontana Ausstellung zu sehen.

Doch zurück in den Palast Stampalia. Im Museum selber reist man herrlich durch die Vorlieben, das Leben und den Geschmack der venezianischen Aristokraten.

Was für ein Dialog!

Der japanische-amerikanische Bildhauer Isamu Noguchi verzauberte uns mit seinen Lampen, Atari genannt. Diese Papierobjekte sind leuchtende, organische Skulpturen. So verwandelt er kaltes Licht in warmes und bringt die historischen Räume noch mal anders zum Leuchten.

Dazu gesellen sich einfache Pflanzenfotografien von Danh Vo. Der Konzept- und Performancekünstler hat bei der letzten Biennale in der Hauptausstellung mit bronzefarbenen Spiegeln beeindruckt. Jetzt begeben wir uns auf die Spuren von Pflanzen, die er auf dem Gelände seiner Hofes Güldenhof  fotografiert hat. Die Präsentation auf einfachen Holzgestängen fand Juliane in dem opulenten Ambiente besonders geglückt.

Im oberen Stockwerk sind French:Eciture-Werke des koreanischen Malers Park Seo-Bo wie in einem Whitecube ausgestellt. Definitiv ein Highlight an Feinheit.

Perfekter Dialog Danh Vo und Isamu Noguchi

Louise Nevelson: Persistence

Sie ist in Kiew geboren, von dort in die USA ausgewandert, hat das Land dann vor sechzig Jahren bei der Biennale vertreten und bespielt nun die Procuratie Vecchie nach der Wiedereröffnung. Das erste Mal seit 500 Jahren können Besucher von hier aus über den Markusplatz blicken und dabei Kunst genießen. Louise Nevelson schafft aus gefundenen Holzteilen, Stuhlbeinen, Pappschachteln  oder Spindeln großartige monochrome Skulpturen mit hohem Wiedererkennungswert.

Vorzugsweise überzieht sie die kubistisch-abstrakten Objekte mit schwarzer Farbe. In Persistence werden auch welche in mattem Gold oder strahlendem Weiß gezeigt. Marcel Duchamp hat sie unverkennbar beeinflusst. In der Hauptaustellung der 59. Biennale ist eine ihrer Installationen im Arsenal zu sehen. Eine Entdeckung.

Mary Weatherford & Georg Baselitz

Auf Tizians Spuren

Ihr Ding sind lyrisch, abstrakte Gemälde, die gerne von Neonröhren unterbrochen werden. Die Amerikanerin Mary Weatherford hat sich für die Ausstellung im Museum des Palazzo Grimani mit Tizians grausamen Gemälde „Die Häutung des Marsyas“ (1570-76) auseinandergesetzt. Entsprechend schattig und düster sind ihre Interpretationen.

„Es ist das bösartigste Gemälde, was ich je gesehen habe“,

sagt sie. 12 Gemälde voller exakter Pinselstriche und Neons auf Leinwand hat die 59-jährige Amerikanerin für die Schau in Venedig geschaffen. Die Farbwirbel schillern in unendlichen Lila-, Grün-, Grau- und Brauntönen. Lassen die Schönheit, aber auch den Horror des Gemäldes von Tizian erahnen. Beklemmend und beeindruckend zugleich.

Baselitz in Höchstform

Voller Lebenslust hingegen sind die Werke von Georg Baselitz. Mit Archinto bezieht auch er sich auf ein Bild von Tizian, allerdings auf das des Kardinals Filippo Archinto aus dem Jahr 1558. Baselitz interpretiert die Porträtmalerei der Renaissance zeitgemäß mit geisterhaftem Strich und spielt zugleich auf die menschliche Sterblichkeit an. Dabei ist er erstaunlich farbgewaltig.

Die zwölf speziell für den Sala del Portego angefertigten Gemälde werden in den ursprünglichen Stuckrahmen gezeigt, in denen bis ins 19. Jahrhundert die Porträts des Grimani-Clans hingen. Sie bleiben übrigens als Dauerleihgabe im Museum. Was für eine Bereicherung.

Natali´s zweites Highlight:

Uncomed, Unforeseen, Uncontrained

Die Parasol Unit Foundation for Contemporary Art ist eine gemeinnützige Stiftung und Galerie für zeitgenössische Kunst mit Sitz in London. Ihren Biennale Beitrag fanden wir auch schon 2019 sehr beeindruckend. Auch dieses Mal wurden wir nicht enttäuscht, weder von der Kunst noch von den Räumlichkeiten in denen sie wieder ausgestellt wurde.

Die Musikakademie Conversatorio Benedetto Marcello ist ein besonderer Ort. Man ist umgeben von Musik, überall wird geübt, ein Klangteppich der besondere Art in einem herrlichen Palast. Ohne Eintritt darf man hier in der ausgestellten Kunst schwelgen und möchte am liebsten für immer bleiben.

Mich hat es animiert selbst zu musizieren. Mit einem Kunstwerk, was für ein Luxus und Spass. Die Installation von Oliver Beer hatte es mir angetan. Juliane war von Julian Charrière sowie der indischen Künstlerin Bharti Kher begeistert. Was soll ich sagen, auch hier gilt, egal wir knapp die Zeit ist – auf keinen Fall verpassen und Kunst lebendig und erfahrbar werden lassen … Yes …

Please play the Instrument – it’s part of the art…

Die Figuren oben rechts werden durch das Klavierspiel aktiviert. Die Arbeit stammt von Oliver Beer

Für alle, die nicht nach Venedig reisen können, ein Trip nach Potsdam im Oktober reicht auch!

Peggy Guggenheim: Surrealism & Magic

Surreale Welten

Das Peggy Guggenheim Museum in Venedig ist ein besonderer Ort. Wir wünschten, wir könnten dort mal ganz allein die wunderbare Kunst genießen. Meistens wimmelt es nur so vor Kunstsüchtigen und so ist es zu Biennale Zeiten noch unmöglicher, die Kunst zu sehen. Dennoch die zur Biennale gezeigte Ausstellung Surrealismus & Magie ist toll! Es ist die erste umfassende Werkschau, die das Interesse der Surrealisten an Magie und Mythos thematisiert. Kuriert von Daniel Zamani (Museum Barbarin Potsdam) und Grazia Subelyte (Guggenheim Collection Venedig).

Neben wirklich allen großen Namen der surrealistischen Malerei werden hier auch Werke der surrealistischen Künstlerin Leonora Carrington gezeigt. Der Titel der Biennale 2022 „The Milk of Dreams“ ist einem ihrer Kinderbücher entliehen. Sie hat in den 50-er Jahren in Mexiko surrealistische Märchen geschrieben und illustriert und behauptet, sie sei durch die Begegnung ihrer Mutter mit einer Maschine entstanden. Für die Kuratorin der diesjährigen Biennale Cecilia Alemani ist diese Aussage eine Metapher für die Wirklichkeit in der wir heute leben.

Surrealismus und Magie – leider sind nicht alle Bilder scharf geworden…

Wuseliges Museum

Der Mensch, so glaubt Cecilia Alemani, steht nicht mehr im Zentrum der Welt, sondern bildet neue Gemeinschaften. So entsteht eine neue Welt voller hybrider Wesen, magisch, verstörend und zeitweise fast kindlich naiv. Körper, die sich vollkommen auflösen und surrealistisch alles dürfen, können, wollen und tun.

Insofern ist die Begleitausstellung in der Peggy Guggenheim Fondation doppelt interessant. Sie ist bis zum 26. September in Venedig zu sehen und wandert dann nach Potsdam in das Museum Barberini. Ich freu mich darauf, denn mir war es bei Peggy leider mal wieder viel zu wuselig und voll!

…es ist immer sehr voll in der Guggenheim Collection

This is Ukraine: Defending Freedom @ Venice 2022

Berührend und auf den Punkt

Und dann kam der Krieg. Die Ohnmachtserfahrung, die wir mit Beginn der Pandemie gemacht haben, wiederholt sich beklemmend anders. Die Angst, Russland könnte auch Natostaaten überfallen ist allgegenwärtig. Der Russische Pavillon bleibt zu dieser Biennale leer, dafür ist die Ukraine in den Giardini und im Arsenale sichtbar.

Die aufgehäuften Sandsäcke, die an so geschützte Denkmäler in der Ukraine erinnern sollen, sind mir, Juliane, zu plakativ. Der Ukrainische Pavillon ist mit einem Beitrag des Künstlers Pawlo Markow etwas im Arsenale versteckt, aber gut besucht. Die kinetische Skulptur aus Trichtern heißt Fountain of Exhaustion, Acqua Alta. Die Geschichte zum Kunstwerk samt der aufregenden Flucht der Kuratorin Lizaveta German war in den Feuilletons überall zu lesen.

Wirklich beeindruckt waren wir von der Pinchuk Foundation in der Scuola Grande della Misericordia. Der ukrainische Oligarch Viktor Pinchuk setzt seinen Future Art Prize in diesem Jahr aus. In nur vier Wochen wurde für die Ersatzschau hochkarätige Kunst zusammengetragen.

Im Erdgeschoß zeigen ukrainische Künstler, dass ihr Land eine tief verwurzelte Kultur und Geschichte hat. Putins Behauptungen zum Trotz. Beeindruckend.

Ebenso wie die Sammlung im Obergeschoß. Hier finden sich Arbeiten von dem who-is-who der Kunstbranche wie Marina Abramovic, Olafur Eliasson, Damien Hirst oder ein Riesenportät von JR: Valerie aus Lviv, das Foto war Titel des Times und ging um die Welt.

Damien Hirsts Schmetterlinge auf der Ukraine Flagge, eine übergroße Arbeit von JR, Maria Prymachenko Malerei und Olafur Eliasson SOS-Lampe

Kunst als Denk-Anstoß

In wenigen Wochen ist der Kampf um Demokratie, Freiheit und Menschenrechte ein anderer geworden. Das zeigt die auf zwei Stockwerken sehr luftige Schau eindrucksvoll. Und während wir uns hierzulande engagieren, segeln im Windschatten des so verdammt nahen Krieges andere Diktaturen ihren Unrechts-Kurs seelenruhig weiter.

Gibt die Biennale also Antworten auf die aktuell brennenden Themen?

Klimakrise, Ukraine-Krieg, wachsende soziale Spaltung der Gesellschaft, die Corona-Pandemie mit ihren Lockdown-Phasen, von denen keiner weiß, wie sie sich langfristig auf die Gesellschaft auswirken…

Wir glauben:

Kunst muss das nicht beantworten,

aber sie kann gelungene Auszeiten verschaffen, Denkanstöße geben, Horizonte erweitern. In diesem Sinne wünschen wir einen sinnerweiternden Kunstgenuss in Venedig.

Informationen zu den Collateral Events der 59. Biennale

  • Anish Kapoor

Palazzo Manfrin und Accademia  bis zum 9. Oktober, Montags 8.15 Uhr bis 2 Uhr, sonst täglich 8.15 Uhr bis 19.15 Uhr. Die Kassen schließen ein Stunde vorher!

  • Anselm Kiefer – Questi scritti, quando veranno bruciati, daranno finalmente un po’ di luce

Palazzo Ducale, Piazza San Marco 1, bis 29. Oktober, täglich von 9 bis 19 Uhr geöffnet  

Tickets online zu buchen ist leider etwas vertrackt und umständlich. Wir haben uns kurzer Hand morgens um 20 vor 9 angestellt und waren kurz nach Öffnungsbeginn im Palast. Ein Traum!

  • Chun Kwan Young – Times reimagined

Palazzo Contarini Polignacbis 27. November außer dienstags täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

  • Danh Vo, Isamu Noguchi & Park Seo-Bo

Fondazione Querini Stampalia, bis 27. November, Montags geschlossen, 10 bis 18 Uhr geöffnet

  • Louise Nevelson. Persistence

Procuratie Vecchie, am Markusplatz, Montags geschlossen, 10 bis 18 Uhr geöffnet .

Der historische Ort wurde für die Biennale on David Chipperfield renoviert. Die Ausstellung ist im zweiten Stock, und kostet keinen Eintritt, einfach vor dem Ticketschalter links die Treppe hinauf.

NOCH ein TIPP: Direkt daneben liegt Negozio Olivetti, in den 50er Jahren designte Carlo Scarpa diesen Verkaufsraum. Jetzt ist dort kostenfrei die geglückte Ausstellung von Anthony Gromley und Lucio Fontana zu sehen

Anthony Gromley Kultur trifft auf Carlo Scarpa Architektur.

  • Uncombed, Unforeseen, Unconstrained

Conservatorio di Musica Benedetto Marcello  bis 27. November, Sonntags geschlossen, 10 bis 15 Uhr geöffnet.

  • Mary Weatherford & Georg Baselitz

Museo di Palazzo Grimani, bis zum 27. November Montags geschlossen, 10 bis 19 Uhr geöffnet

Die Ausstellung läuft bis zum 26. September , die Sammlung ist täglich von 10 – 18 Uhr geöffnet. 

Ab dem 22. Oktober ist die Ausstellung im Barberini Museum in Potsdam zu Gast!

  • This is Ukraine: Defending Freedom @ Venice 2022

Scuola Grande della Misericordia bis 7. August , außer Montags von 10 – 18 Uhr geöffnet

Surreal schön, aus der Zeit gefallen und immer eine Reise wert…

Mehr zur Biennale di Venezia?

Venedig Biennale 2022 „The Milk of Dreams“ – unser Top 10 !

In dem Beitrag sind auch alle aktuellen Essenstipps verlinkt!

Auch immer noch interessant, die Venedig Biennale 2019 –

Zwar vorbei aber dennoch interessante Informationen rund um Biennale und Venedig:

Wir freuen uns schon auf 2024!

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