Kunst im lockdown light

Die Kunst steht nicht still – auch nicht in diesem sogenannten lockdown light. Kunst live gibt es in den Galerien der Stadt, sie sind geöffnet. Leider haben die Museen deutschlandweit geschlossen, aber wieder gibt es den digitalen Weg, um sie zu besuchen. Zu guter Letzt dann noch ein Buch-Tipp zu einem wichtigen Kunst-Thema.

written by Gastautorin Juliane Rohr 4. Dezember 2020

Drei Tipps vorab

denn mit diesem Blogbeitrag hätte ich eigentlich wunderbare, sehr sehenswerte Ausstellungen für den Dezember in Berlin vorgestellt. Unter anderem die folgenden drei, auf die ich wenigstens kurz hinweisen möchte, denn es geht auch hinter verschlossenen Türen weiter, wenn auch im verkleinerten Ausschnitt und nur online.

Bezaubernder Gast

Im Brücke Museum ist die fantastische Vivian Suter zu Gast mit der Ausstellung Bonzo‘s Dream. Die argentinisch-schweizerische Künstlerin passt mit ihren großen, zeitgenössischen Farbkompositionen außergewöhnlich gut zu ausgewählten Bildern der Brücke Künstler. Ich hoffe auf Verlängerung dieses bezaubernden Kunstdialoges – ansonsten läuft die Schau auf jeden Fall bis zum 14. Februar.

Männer im Gropius Bau

Zum Thema Männlichkeit in der Fotografie seit den 60er Jahren können sich die Besucher*innen im Gropius Bau auseinandersetzen und Klischees nachspüren. Hier ein kleiner, lohnenswerter digitaler Rundgang durch Masculinities – Liberation through Photography mit Kuratorin Alona Pardo. Auch hier habe ich die Hoffnung, dass die Kunst nicht alleine im Museum bleibt und die Ausstellung bis in den Februar verlängert werden kann, da eigentlich mit dem voraussichtlichen Ende des lockdown light am 10. Januar mit Schluss wäre…

Appetizer Medienkunst

Die Rieckhallen des Hamburger Bahnhofs werden mit Magical Soup schmackhaft gemacht. Die Zusammenstellung von Werken aus der Medienkunst der Sammlung Flick ist noch bis zum 3. Januar zu sehen (ach, du Schreck, also gar nicht mehr?!) und als kleiner Appetizer bei you tube. Wunderbar zusammengestellt mit Werken von bekannten Größen wie Pipilotti Rist oder Anne Imhof, jüngere Positionen wie Dineo Seshee Bopape mischen sich zu Arbeiten von Altmeistern des Genres – zu Nam June Paik oder Jochen Gerz. Auf ins Netz!

In Zeiten der Pandemie ist jedoch nichts planbar. Das haben wir in diesem Jahr mit dem Knacks gelernt. Aber:

art keeps going

mein Lieblingshashtag in diesen Zeiten. Und so gibt es auch jenseits der Museen (wenigstens) bildende Kunst zu entdecken – online wie offline und zwischen Buchdeckeln. Hier meine Dezember-Highlights für Kochen, Kunst und Ketchup.

Zu Hödicke ins Palais Populaire

Momentan geht es zwar auch nur online durch die humorvolle Ausstellung von K.H. Hödicke. Aber es lohnt sehr, die Retrospektive begeisterte mich schon im Sommer diesen Jahres in der Pinakothek der Moderne. Nun ist sie seit Oktober im Palais Populaire zu sehen und kommt mit fast der gleichen Anzahl an Werken daher. Spannend, da die Räume in dem Bau weniger großzügig sind, als die des Münchner Museums. Aber die Zusammenstellung funktioniert trotzdem.

 Frech und farbintensiv

Die Berliner Schau ist dadurch sehr kompakt, aber so lassen sich die Werke des Berliner Künstlers noch intensiver erleben. Karl Horst Hödicke gilt als Vater der Jungen Wilden, war Jahrzehnte Professor an der Berliner Universität der Künste, die zu seinen Zeiten noch Hochschule hieß, wie er bedauert. Aber zurück in die Ausstellung, die von Hödickes Schaffenskraft erzählt. Die Dimension seiner Kunst wird mit unzähligen Papierarbeiten, aber auch großen Gemälden und einigen Skulpturen belegt. Der 82jährige überzeugt besonders mit seinen Berlin Bildern. Alles sehr farbintensiv und frech und unbedingt sehenswert. Eine kleine Führung gibt es online.

Galerien-Hopping

ist jetzt im lockdown light die einzige Chance Kunst live zu erleben. Da sie zu den Einzelhändlern zählen dürfen die Galerien geöffnet haben. Wie gut, denn es gibt bei den Kunsthändlern hochkarätige, teilweise museal anmutende Ausstellungen zu sehen.

Ab nach Mitte

Einen Nachmittag durch Mitte bummeln, letzte Weihnachsgeschenke kaufen und dabei zu neugerriemschneider im Hinterhof in der Linienstraße 155 hoppen. Dort wartet der geniale Billy Childish. Der englische Musiker, Poet und Maler zeigt hier Arbeiten, die in den letzten drei Jahren entstanden sind. Die Ausstellung skulls, wolfs, nudes, rope pullers and a nervous breakdown könnte so auch im letzten Jahrhundert gezeigt worden sein. Die Selbstportäts erinnern an Van Gogh und die Stilleben der Totenschädel an die Kostbarkeit des Lebens. Die Landschaftsbilder und Szenen mit Arbeitern hat der Künstler selbst mit Zimmerpflanzen, Orientteppichen und Holzbänken arrangiert. Bis zum 9. Januar zu sehen.

Drei wichtige Künstlerinnen

In Kreuzberg ist Katharina Grosse bei König in St.Agnes mit brandneuen Arbeiten zu Gast. Für all die, die immer noch nicht bei der tollen Schau im Hamburger Bahnhof waren, ein kleiner Ersatz. Die Galerie Kewenig in der Brüderstraße 10 lockt mich  mit der Schau der ägyptischen Künstlerin Ghada Amer und im Garten sind noch Skulpturen von Leiko Ikemura zu sehen. Amer beeindruckt mich sehr mit ihren Keramikarbeiten. Auf sehr dünnen Tonplatten malt sie Portäts von Frauen und biegt die Platten. Die hängen dann wie riesige Schalen an der Wand und schützen gleichzeitig, die Person, die sie abbilden.

Gadha Amer – Keramiken und Malerei

Weiter in der Potsdamerstraße

Hier lohnt es sich immer in den vielen Galerien in den Mercartorhöfen vorbeizuschauen. Jarmuschek + Partner, Galerie Reiter Galerie, Esther Schipper und Hua international haben geöffnet, freuen sich über Besuche und zeigen Arbeiten von Carina Linge, Juliette Sturlèse, Isa Melsheimer und Tong Kunniao. Tolle Inspirationen garantiert.

SOS gesehen in der Potsdamerstraße

Kunst-Hotspot Fasanenstraße

Schließlich geht es nach Charlottenburg und dort in die Fasanenstraße, wo die Galerien wie Perlenschüre aufgereiht nebeneinander liegen. Bei Kornfeld tauche ich in die schwarz-weißen Welten von Martin Spengler ein. Der Kölner Künstler stellt unser Sehverhalten mit einfachen Materialien wie Wellpappe, Leim und kalkhaltiger Farbe in Frage. Mit seinen menschenleeren Architekturen erinnert er zudem geschickt an soziale Utopien von gestern und den Corona-Lockdown von heute. Im dazugehörigen 68projects wird farbenprächtig mit intensiven Bildern der georgischen Künstlerin Rusudan Khizanishvili ein Kontrapunkt gesetzt.

Wolfgang Tillmans

Nicht verpassen sollte man ebenfalls diese fantastische Ausstellung in der Galerie Buchholz. Der Fotokünstler ist in beiden Etagen der Galerie mit abstrakten Fotos aus der Silver-Serie, aber auch herrlichen kleinen und sehr großen Arbeiten zu sehen. Hinter einem silberen Vorhang gibt es einen Zusammenschnitt der immer gleichen Bilder, die Wolfgang Tilmans seit März aus seinem Kreuzberger Studio über die Dächer und in den Himmel über Berlin gemacht hat. Dazu laufen eigene Musiktracks. In einem anderen Raum wartet eine Soundinstallation, in der der Künstler über einen fiktiven Film spricht.

Helmut Newton trifft…

Bevor es ab 17 Uhr einen white punch vor dem rum trader am Fasanenplatz für mich gibt, gehe ich noch schnell zu Mehdi Chouakri, der abstrakte Arbeiten von Bernd Ribbeck zeigt. Die kleinen, spannenden Farbkompositionen brauche ich an grauen Wintertagen wie diesen dringend.

Mit köstlichem Punch gestärkt kann man noch in eine museale Schau eintauchen – verteilt in zwei Galerien: Helmut Newton 100, William N. Copley 101 und Jonathan Monk 51 – dieser Titel sagt eigentlich alles. Lauter Künstler-Geburtstage. Bei Klaus Gerrit Friese (Meierottostraße 1) und Meyer Riegger (Schaperstraße 14) sind in Zusammenarbeit mit Kicken Berlin Arbeiten des Fotografen Newton, der im November 100 Jahre alt geworden wäre, im Dialog mit dem Konzeptkünstler Monk und Maler Copley zu sehen. Das funktioniert. Schwarz-weiß Fotografie trifft knallige Malerei trifft zeitgenössische Installation. Ein gekonnt inszenierter Balanceakt.

Support your locals

Hach, die Liste der tollen Galerien ist lang und wird immer länger, je länger ich an diesem Beitrag sitze. Wentrup, Friedmann-Hahn, Michael Haas, Max Hetzler, Michael Haas, Societe oder Friedmann-Hahn und wieder Richtung Mitte Thomas Schulte, Konrad Fischer, peres projects, Nagel Draxler, Barbara Thumm, Alexander Levy, Buchmann oder Ebensperger im Wedding (derzeit auch mit Depandance in der Meinekestraße 5 und sehenswerter Gruppenschau). Das alles ist in gewisser Weise ein klitzekleiner Museumersatz…(kaufen kann man auch, getreu dem Motto support your local dealer.)

Da wird mir die Zeit in dieser besinnlichen Zeit schon wieder knapp und dass, obwohl wir doch alle mit weniger Terminstress unterwegs sind, da das Socialising in der Vorweihnachtszeit 2020 gegen Null läuft. Mein Tipp:

Einfach losgehen,

Mund-Nasen-Maske auf, Abstand halten und sich durch die Kunst treiben lassen. Uplifting – trotz lockdown 2.0.

 

Schließlich noch ein Buch

Nur eins, denn es ist wichtig und schön. Für I love women in art haben sich zwei Künstlerinnen zusammengetan und 100 Frauen aus Kunst und Kultur gebeten über eine Künstlerin ihrer Wahl zu schreiben. Warum das Ganze? Frauen dürfen erst seit 1919 an den Kunstakademien studieren und trotzdem ist die Geschlechter-Gleichstellung noch in weiter Ferne. Künstlerinnen werden immer noch zu wenig in Museen gezeigt und für ihre Arbeiten werden sie schlechter bezahlt als die männlichen Kollegen. Bianca Kennedyund Janine Mackenroth wollten mit dem Buch an das Jubiläum erinnern, aber auch zeigen, was Künstlerinnen heute können. Schließlich gibt es wenige Nachschlagewerke, die so auf den Punkt sind.

Klug und charmant

Weniger bekannte Künstlerinnen und wohlbekannte wie Katharina Grosse, Rosemarie Trockel oder Alicja Kwade, aber auch große Frauen aus dem vergangen Jahrhundert wie Anni Albers oder Anita Rée sind hier versammelt. Die Texte sind charmant und klug, stammen von Journalistinnen, Kuratorinnen oder Sammlerinnen. Und ja, dieses Buch ist das ideale Weihnachtgeschenk (bitte hier entlang).

Übrigens ist es auch für kunstinteressierte Männer geeignet.

I LOVE WOMEN IN ART: 100 Künstlerinnen vorgestellt von Frauen aus Kunst & Kultur (100 WOMEN ARTISTS)
I LOVE WOMEN IN ART: 100 Künstlerinnen vorgestellt von Frauen aus Kunst & Kultur (100 WOMEN ARTISTS)*
von POOL POSITIONS

Für I love women in art haben sich zwei Künstlerinnen zusammengetan und 100 Frauen aus Kunst und Kultur gebeten über eine Künstlerin ihrer Wahl zu schreiben. Warum das Ganze? Frauen dürfen erst seit 1919 an den Kunstakademien studieren und trotzdem ist die Geschlechter-Gleichstellung noch in weiter Ferne. Ein wunderschönes Buch und eine tolle Geschenkidee - denn die Kunst steht nie still!

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